Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Die Welt lehnt aus Sündenstolz Vergleiche ab, kommt sich am Kabinettstisch wieder näher und hat sich zwölf Jahre lang listig an der Macht gehalten

Josef Joffe
Joffe
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Mit wem kann man Putin vergleichen?

Mit allen, bloß nicht mit Adolf H. Eine bizarre Geschichte. Dr. Freud würde mutmaßen: Sündenstolz im Quadrat. Wir lassen uns doch den GröSchuZ (Größten Schurken aller Zeiten) nicht wegnehmen, indem wir mindere Schurken wie Putin mit Hitler vergleichen. Das wertet Adolf ab bzw. Wladimir auf. Im Übrigen begehen die Vergleichsverbieter einen schlichten logischen Fehler. Vergleichen ist nicht gleichsetzen. Nein, W. und A. sind nicht gleich. Aber die Krim-Nummer passt zum Sudetenland-Raubzug wie die Faust aufs Auge: Man gibt vor, im Namen einer unterdrückten Volksgruppe zu agieren, sieht, dass weder die Gegenwehr (der Ukraine, damals der Tschechoslowakei), noch eine militärische Reaktion des Westens zu fürchten ist. Und nutzt den taktisch-geografischen Vorteil.

Hollande hat seine Ex-Lebensgefährtin zur Ministerin gemacht. Eine gute Wahl?

Eine sehr gute Wahl. Man kennt sich bis in die Zehenspitzen. Hollande ist wieder solo und falls er sich einsam fühlt, muss er nicht auf dem Motorroller durch die nächtlichen Straßen von Paris fahren. Zweitens kann man dergestalt Staatsangelegenheiten weit weg vom Kabinettstisch besprechen – das ist die neue Bedeutung vom „kurzen Draht“. Drittens: eine alte französische Tradition, die im protestantisch-puritanischen Norden verloren gegangen ist. So gut wie jeder französische König hatte die Geliebte – siehe Madame Pompadour – bei sich im Palast. So kommt zum kurzen Draht der kurze Fußweg hinzu. Das ist wahre Regierungskunst.

Afghanistan wählt einen neuen Präsidenten. Wie war Hamid Karsai, der bisherige?

Ein Mann von höchstem politischen Geschick; sonst hätte er nicht zwölf Jahre lang regiert und dabei ein großes Vermögen angehäuft. In Afghanistan überlebt nur, wer so geschmeidig wie listig zwischen den Machtzentren manövriert. Das sind: die USA, Pakistan, Iran, die Taliban, die Saudis, die einzelnen Volksgruppen, die Warlords mit ihren Milizen. Man spiele den einen gegen den anderen aus, mache unhaltbare Versprechungen, wechsele täglich die Verbündeten und quetsche ein Maximum an Subsidien aus dem Westen heraus. Das ging ziemlich gut, solange die Amerikaner im Lande blieben. Zieht sich Obama tatsächlich zurück, beginnt ein neues Spiel.

Ein Wort zu Amerika …

Im März entstanden 192 000 neue Jobs. Das ist der Zugewinn, der gebraucht wird, um die Neuen aufzunehmen, die monatlich auf den Arbeitsmarkt drängen. Das heißt: Die Arbeitslosenrate bleibt gleich: bei 6,7 Prozent. Dagegen liegt die Eurozonen-Quote fast doppelt so hoch: bei knapp zwölf seit Oktober. Irgendetwas müssen die Amis richtiger machen, wiewohl: De-facto- Vollbeschäftigung erreichen sie erst bei vier Prozent.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt zurzeit an der Stanford University. Fragen: Moritz Schuller

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