Viertelfinale Deutschland gegen Griechenland : Die Europameisterschaft wird politisch

Für viele Griechen ist das EM-Viertelfinalspiel heute abend keines gegen Joachim Löws Deutschland, sondern gegen das von Angela Merkel. Ein Sieg würde das Selbstbewusstsein, den Nationalstolz stärken. Und es hätte auch Einfluss auf die Verhandlungsposition Athens.

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Oh Schreck: Tierorakel Krake Rosi aus Rosenheim sagt einen Sieg der Griechen voraus. Andere Tierorakel tippen dagegen auf Deutschland.
Oh Schreck: Tierorakel Krake Rosi aus Rosenheim sagt einen Sieg der Griechen voraus. Andere Tierorakel tippen dagegen auf...Foto: dapd

Bevor der erste Schuss fällt, wird abgerüstet. Verbal. Es sei ein Tag des Sports, lässt Bundeskanzlerin Angela Merkel ausrichten. Die griechischen Spieler flehen geradezu darum, das EM-Viertelfinalspiel zwischen Deutschland und Griechenland nicht unnötig aufzuladen. Und auch der Bundestrainer betont, dass es nicht um Politik gehe.

Das ist alles richtig, alles klug – und doch ist es falsch. Dieses Spiel ist politisch. So wie die gesamte Europameisterschaft von einem politischen Hintergrundrauschen begleitet wird. Denn anders als die Turniere davor entwickelt die EM ihre Kraft nicht nur aus dem rein sportlichen Geschehen. Die Euro-Krise ist der Resonanzkörper. Und Spiele wie dieses lassen ihn heftig vibrieren.

Die Partie gewinnt ihre Brisanz nicht dadurch, dass Angela Merkel in Danzig im Stadion sein wird. Umgekehrt: Ihre Abstinenz in der Vorrunde, als die deutsche Mannschaft in der Ukraine gespielt hat, war das Besondere. Ein möglicher Sieg der Griechen gegen Deutschland wird natürlich die Verhandlungsposition Athens nicht eindeutig verändern. Aber sie könnte beeinflusst werden – und allein das macht viel aus, in einer angespannten und von Stimmungen geprägten Situation.

Das Spiel gewinnt sein politisches Gewicht auch aus der Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Während sich die Spieler vorbereiten, überlegen die europäischen Finanzminister, wie es mit den Hilfen für Athen weitergehen soll. Bis kurz vor Anpfiff werden am Freitag in Rom die Staats- und Regierungschefs aus Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien zu einem Krisentreffen zusammenkommen. Auf Mannschaften aus all diesen Ländern könnten die Griechen noch treffen. So gibt es zumindest eine starke Wechselwirkung zwischen dem Sport und der Politik.

Ein gewisser Trotz gegen den politischen Rahmen wird den griechischen Spielern zusätzliche Motivation sein. Und die Politik wird sich auf Auswirkungen des Spiels gefasst machen müssen, vor allem im Erfolgsfall. Denn für viele Griechen ist es kein Spiel gegen Joachim Löws Deutschland, sondern gegen das von Angela Merkel. Ein Sieg würde das Selbstbewusstsein, den Nationalstolz stärken. Eine Momentaufnahme, sicher. Aber diese kann sich auswirken, wenn der Moment so entscheidend ist für ein Land, wie für Griechenland heute.

Es wird für den neuen Regierungschef Samaras noch schwieriger, in eine solch optimistische Stimmung hinein den Menschen zu verkünden, dass es doch keinen Zeitaufschub für die Reformbemühungen aus Brüssel, und speziell aus Berlin, geben wird. Umgekehrt werden die Griechen versuchen, das Hochgefühl im eigenen Land zu nutzen, wenn in Brüssel verhandelt wird. Dass Samaras überhaupt Prokura besitzt, hat er auch dem Fußball zu verdanken. Denn der griechische Viertelfinaleinzug zwei Tage vor der Wahl hat eine Euphorie entfacht, die die Neigung, einen linksextremen Hasardeur zu wählen, entscheidend gemindert hat.

Die politischen Implikationen liegen aber nicht nur in der griechischen Spielhälfte, sondern auch in der deutschen. Anders als noch 2006 ist die spielerische Leichtigkeit im Umgang mit der eigenen Nation verschwunden. Nicht, weil die Deutschen wieder verkrampfter wären, sondern weil der Blick auf sie heute ein anderer ist. In der Euro-Krise hat Deutschland sich zum ungeliebten Retter entwickelt. Jede Jubelpose, gerade auch der Bundeskanzlerin, wird im Moment penibel registriert. Ganz egal, ob jetzt gegen Griechenland – oder im Finale gegen: Spanien.

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