Vogelgrippe : Wie Kai aus der Kiste

Warum die der H5N1-Asia-Virus alias Vogelgrippe so schwer auszumerzen ist.

Alexander S. Kekulé

Es sah beinahe nach einem Happy End aus: Seit August letzten Jahres hatte es in Deutschland keinen einzigen Vogelgrippe-Fall mehr gegeben. Tausende Wildvögel aus dem Bundesgebiet wurden seitdem untersucht, immer ohne Ergebnis. Sogar die mit Bangen erwarteten Herbst- und Frühjahrsvogelzüge gingen vorüber, ohne dass sich die Katastrophe vom Februar 2006 wiederholte – das gefährliche Vogelgrippe-Virus H5N1-Asia war genauso plötzlich und unerwartet verschwunden, wie es gekommen war.

Ende April stufte das Friedrich-Löffler-Institut (FLI) deshalb das Vogelgrippe-Risiko für Nutzgeflügel von „hoch“ auf „mäßig“ zurück. Zugleich entschlossen sich die Fachleute der für Tierseuchen zuständigen Bundesbehörde zu einer mutigen Empfehlung: Die generelle Aufstallungspflicht solle zeitnah aufgehoben werden, das Einsperren des Geflügels sei nur noch in wenigen Risikogebieten nötig. Anfang Juli wollte der Bundesrat über die Lockerung der Stallpflicht beraten.

Doch dann schlug das tückische Virus wieder zu. Wie Kai aus der Kiste tauchte es vergangene Woche dort auf, wo es von den Behörden am wenigsten erwartet wurde: nicht während des Vogelzuges und nicht in einem dicht bevölkerten Nistgebiet, nicht während der kalten Jahreszeit und nicht an einem grenznahen Gewässer – sondern mitten in der Nürnberger City, in einem ganz normalen Stadtpark. Jetzt suchen die Experten nach Erklärungen, Politiker streiten über den Einsatz von Impfstoffen und die Fortführung der Aufstallungspflicht. Das FLI empfahl den Gemeinden, die Risikogebiete mit Aufstallungsgebot neu festzulegen.

Das erneute Auftauchen der Vogelgrippe müsste jedoch keineswegs überraschen – zwei bekannte Verbreitungswege machen H5N1-Asia auch weiterhin zu einer Bedrohung fürs deutsche Federvieh.

Erstens kann das Virus jederzeit mit menschlicher Hilfe eingeschleppt werden. In Urlaubsländern wie Tschechien, Ungarn oder Ägypten ist die Vogelgrippe erst kürzlich wieder ausgebrochen. Eine mitgebrachte Vogelfeder, etwas rohes Geflügelfleisch oder der Staub an den Schuhen reichen bereits aus, um bei den Wasservögeln am heimischen Stadtsee eine Epidemie auszulösen. Auch ein mitreisendes Haustier, etwa eine Katze oder ein Kanarienvogel, könnte die Krankheit übertragen.

Falls eine solche, selten zu erwartende Einschleppung der Auslöser des Nürnberger Ausbruchs war, könnte das FLI bei seiner optimistischen Risikobewertung bleiben – die Behörde untersucht deshalb fieberhaft, ob die Gensequenz des Nürnberger H5N1 mit den Viren bekannter Ausbrüche im Ausland übereinstimmt.

Zweitens steht jedoch fest, dass das Virus weiterhin draußen in der Tierwelt vorhanden ist – nur so lassen sich die im Ausland beobachteten Ausbrüche bei Nutzgeflügel erklären. Offenbar gibt es mindestens eine Vogelart – wahrscheinlich Wasservögel –, die H5N1-Asia monatelang in sich trägt und innerhalb ihrer Population weitergibt, ohne schwer zu erkranken. Wer dieser „natürliche Wirt“ ist, konnte bisher nicht ermittelt werden. Deshalb ist es durchaus möglich, dass H5N1-Asia auch in Deutschland irgendwo lauert und von Zeit zu Zeit Ausbrüche wie den in Nürnberg verursachen kann.

Es gibt deshalb keinen Grund, sich von jedem neuen Ausbruch überraschen zu lassen und Bürger und Geflügelhalter durch immer neue Verordnungen und Empfehlungen zu verunsichern. Die Aufhebung der generellen Stallpflicht ist sinnvoll, wenn die Gemeinden – die auch nach der Föderalismusreform weiterhin zuständig sind – einzelne Risikogebiete mit Aufstallungspflicht gewissenhaft festlegen. Zugleich müssen strenge Hygienevorschriften für Geflügelhalter die Einschleppung der Seuche in die Ställe verhindern.

Trotz allem werden Seuchenbehörden und Politik nicht umhinkommen, den Bürgern offen zu erklären, dass die Vogelgrippe noch jahrelang vereinzelt zuschlagen kann. Davor muss – abgesehen von den Vögeln – niemand Angst haben: Das Risiko für den Menschen ist unter deutschen Hygieneverhältnissen winzig – triviale Erreger wie Salmonellen etwa sind vielfach gefährlicher.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Molekulare Mikrobiologie in Halle.

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