Meinung : Volkseigener Selbstbedienungsbetrieb

Korruption bei VW: Das Netz von Politik, IG Metall und Management zerreißt

Ursula Weidenfeld

Sind deutsche Unternehmen korrupt? Sind ihre Arbeitnehmervertreter besonders anfällig für die Verlockungen des Kapitals? Wahrscheinlich nicht. Doch zeigt die Korruptionsaffäre um den Volkswagen-Manager Thomas Schuster und den Betriebsratsvorsitzenden Klaus Volkert ein paar Besonderheiten, die anderswo kaum hätten so gedeihen können. Es sind einerseits die besonderen Eigenschaften des Volkswagen-Konzerns als Quasi-volkseigener-Betrieb und andererseits die Besonderheiten der Autoindustrie, die einen Graubereich haben entstehen lassen, in denen manche das Gefühl hatten, zugreifen zu dürfen.

Volkswagen ist ein Unternehmen, in dem die Gewerkschaften und die Politik besonderen Einfluss haben: Die Firma gehört zu einem guten Teil dem Land Niedersachsen. Das hat dazu geführt, dass sich das Unternehmen in besonderer Weise dem Ausgleich der Interessengegensätze von Arbeit und Kapital verpflichtet gefühlt hat: So wurden bei Volkswagen innovative Arbeitszeitmodelle ausprobiert, Arbeitslose in besonderen Programmen eingestellt. Das war so erfolgreich, dass Personalchef Peter Hartz die Bundesregierung federführend bei ihren Arbeitsmarktreformen beriet.

Auf der anderen Seite aber verschwammen dabei ganz offensichtlich Grenzen: Betriebsratschef Klaus Volkert sah sich wegen der engen Zusammenarbeit immer stärker in der Rolle eines Co-Managers und immer weniger als Arbeitnehmervertreter. Wahrscheinlich verlangt es da besondere Charakterstärke, sich gegen Vergünstigungen zu entscheiden, die eine Firma ihren Managern zur Verfügung stellt. Es verlangt einen starken eigenen Standpunkt, sich bewusst zu bleiben, dass man nicht dazu gehört – auch wenn es die anderen noch so sehr nahe legen. Und es verlangt ein sehr gesundes Moralempfinden, sich gegen private Geschäfte mit dem eigenen Arbeitgeber zu stellen, wenn man den Eindruck hat, dass es alle so machen.

Das zweite Problem wiegt genau so schwer: Die deutschen Autounternehmen haben in den vergangenen Jahren umstrukturiert, ihre Zulieferer immer stärker an die Konzerne gebunden, die Beziehungen zwischen in- und ausländischen Firmenteilen in Lieferketten umgewandelt. Dass da viel Raum für informelle und zum Teil rechtswidrige Verhaltensweisen geschaffen wurde, muss im Augenblick nicht nur Volkswagen erfahren. Darunter leiden auch andere Autokonzerne. Problematisch ist allerdings, dass bei VW viele dieser Verhaltensweisen als salonfähig galten. Erst jetzt, wo das Netz zwischen Politik, Management und Gewerkschaft zerreißt, wächst das Bewusstsein, dass vieles bei Volkswagen nicht normal war.

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