Volksentscheide : Pro Reli, contra Aktionismus

Das Votum zu Tempelhof lehrt: Ohne Massenbewegung kann kein Volksentscheid erfolgreich sein.

Malte Lehming

Berlin, so hat der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger einmal gesagt, sei die „Welthauptstadt des modernen Atheismus“. Das ist nicht ganz falsch. Von den 3,4 Millionen Einwohnern sind rund 60 Prozent konfessionslos, Tendenz steigend. Die einzige Religion, die hier wächst, ist der Islam. Es gibt sogar einen atheistischen Stadtführer, „Metropole des Humanismus“ genannt, mit einem atheistischen Stadtplan. Manchmal wird der Berliner auch als „homo areligiosus“ bezeichnet.

Diese indifferent-säkulare Grundhaltung hat den rot-roten Senat bewogen, an den staatlichen Schulen ab Klasse 7 ein Ethikpflichtfach einzuführen, das nicht zugunsten des Religionsunterrichts abgewählt werden kann. Dieser hat weiterhin den Rang einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft, was bedeutet, nicht gleichberechtigt neben der Ethik bestehen zu können, sondern von dieser verdrängt zu werden. Dagegen wendet sich die Bürgerinitiative „Pro Reli“, die mit Unterstützung der beiden christlichen Kirchen und der CDU ein Volksbegehren eingeleitet hat, um eine echte Wahlmöglichkeit zwischen Ethik und Religion herzustellen.

Zu den Erstunterzeichnern gehören EKD-Ratspräsident Bischof Wolfgang Huber und Georg Kardinal Sterzinsky. Unterschrieben hat auch der Verfasser dieser Zeilen, weil er das Ziel von „Pro Reli“ grundsätzlich bejaht, den Religionsunterricht an den Schulen gestärkt sehen möchte und die Ansicht des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau teilt: „Wer nirgendwo zu Hause ist, kann keine guten Nachbarn haben.“ Im vergangenen Januar hat der Senat das Volksbegehren offiziell zugelassen. Im Juni könnte es starten. Dann muss „Pro Reli“ in vier Monaten 170 000 Unterschriften sammeln; wenn das gelingt, könnte es im Frühjahr 2009 den zweiten Berliner Volksentscheid geben.

Kann der Erfolg haben? Die Lehre aus dem ersten, dem Tempelhofer Volksentscheid heißt ganz klar: nein. Wenn es selbst in dieser Angelegenheit – historisch aufgeladen, identitätsstiftend, massiv von Springer, vielen Prominenten, der lokalen wie der Bundes- CDU unterstützt – nicht gelang, eine Mehrheit von mindestens 25 Prozent der Wahlberechtigten zu bekommen, bedarf es eines Wunders, um Religion als Wahlpflichtfach durchzusetzen. An Wunder darf man glauben, aber ist es vernünftig, für sie zu kämpfen und Geld, Ressourcen und Kapazitäten für eine schier aussichtslose Sache einzusetzen?

Im Englischen gibt es die pragmatische Mahnung: „Pick your battles“ – wähle deine Kämpfe sorgfältig, verzettel dich nicht. Darüber sollten die Initiatoren von „Pro Reli“ nun neu nachdenken, ebenso wie die Vertreter der beiden christlichen Kirchen. Vielleicht muss die Schlacht um diese Art staatlich geförderter Religiosität geschlagen gegeben werden. Vielleicht wäre es sinnvoller für alle Gläubigen, statt gegen Windmühlen anzurennen, mit ihrer spärlichen Kraft zu haushalten und sich auf erreichbare Ziele zu konzentrieren. Eine wirklich lebendige Religion überlebt einen rot-roten Senat.

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