Meinung : Volle Töpfe, kluge Köpfe

Die Gesellschaft muss wieder essen lernen: Denn wer nicht gut isst, aus dem wird nichts.

Ursula Weidenfeld

Kaum ein Raum in neu gebauten Häusern und Wohnungen erfährt so viel Aufmerksamkeit bei Planung und Design wie die Küche. Wer als bürgerlicher Bauherr glaubt, eine frei stehende Badewanne sei teuer, der hat noch keine eingebaute Espressomaschine mit Milchaufschäumautomatik und angeschlossener Wasserzufuhr gekauft. Wer Parkett im Wohnzimmer für Luxus hält, hat noch nie auf Augenhöhe installierte Dampfkonvektomaten und mongolische Kochfelder in der Granit-Arbeitsfläche bezahlt. Dabei geht es doch nur um Essen.

Kaum ein Kampfgebiet bei Elternversammlungen ist heißer als das des schulischen Mittagessens. Den einen ist das Essen zu teuer, den anderen zu billig, Anspruchsvolle stoßen sich an nur portionsweise angelieferten Essensschachteln, Exzentriker, die sagen, es gehe weniger darum, was gegessen werde, als darum, wie es gegessen werde, werden offen angefeindet. Nur die, die wirklich gemeint sind bei den Versammlungen, sind nicht da. Dabei geht es doch nur um eine Mahlzeit.

Kaum ein Skandal ist schlimmer als ein Lebensmittelskandal. Wenn ein Raviolihersteller in Verdacht gerät, bei der Fleischfüllung anrüchiges Material verwendet zu haben, bricht der Ravioliverkauf deutschlandweit sofort zusammen, die Gnoccis stürzen mit in den Abgrund. Zu Recht empörte Verbraucher verlangen Rechenschaft. Ein paar Tage später ist der Ravioliabsatz wieder auf dem alten Niveau, Gnoccis ziehen nach. Zum Verdruss der wirklichen und immer nachhaltigen Esser – denn schließlich geht es doch ums Essen.

Um das richtige Essen wird gestritten, diskutiert und debattiert, als gehe es um eine Frage von Leben und Tod. Kalorien und Diäten sind Topseller in Frauenzeitschriften, die Geselligkeit rund um den Herd auch. Das Zufriedenwerden und das Frustbekämpfen wird ausführlich durchpsychologisiert, das Einkaufen, Zubereiten, Verdrücken mit Ratschlägen und Deko- Tipps aller Art begleitet. Gesundheit, Körpergewicht und Vitamine werden im Detail duchgenommen, zu dicke und zu dünne Kinder sind Chefsache in den Verbraucher- und Jugendministerien. Über all dem Zauber droht eine ganz einfache Kulturtechnik verschüttet zu werden – das regelmäßige normale Essen.

Früher aß man drei- oder fünfmal am Tag, regelmäßig, nicht einmal besonders gut. In der nichtgeistlichen Welt haben die Mahlzeiten seit jeher den Tag strukturiert. Man wartete auf das Essen, setzte sich dazu hin, schöpfte aus Schüsseln oder Töpfen. Die Essenszeiten ordneten auch im 19. und im 20. Jahrhundert noch den Tag, der Esstisch war Erziehungsort: Man lernte, nicht alles zu nehmen, aber von allem etwas. Man lernte zu essen, bis man satt war. Zappeln verboten, mit den Fingern essen auch. Man aß gemeinsam. „Das tut man nicht“, ist ein Satz vom bürgerlichen Esstisch, genauso routiniert und eingeübt wie das bräsige „Mahlzeit“ des Arbeiters auf dem Weg zur Betriebskantine. Als die Kinder selbstbewusster wurden und die Eltern partnerschaftlicher, wurde während der Mahlzeiten geredet, diskutiert, gestritten. Heute verbringt der deutsche Durchschnittsbürger im Lauf seines Lebens zusammen genommen neun Monate Zeit mit seinen Kindern, hat das Deutsche Jugendinstitut herausgefunden – genauso lange, wie er für die Wege zur Arbeit braucht. Fürs gemeinsame Essen bleibt da nicht viel Raum: Auch wenn drei Viertel der Bundesbürger immer noch sagen, dass sie zu Hause essen, so ist es doch selten die gemeinsame Mahlzeit, die sie dort einnehmen.

Man muss den alten Zeiten nicht nachtrauern. Sie werden nicht wiederkommen, weder in den in warmen Tönen gehaltenen Esszimmern der Vorstädte, noch in den Küchen in Wedding. 18 Millionen Deutsche gehen täglich in eine Kantine, eine Schulmensa oder nehmen einen Snack. Familienberater berichten von Haushalten, in denen es nicht einmal mehr einen Begriff von einem Esstisch gibt – gegessen wird vor dem Kühlschrank oder dem Fernseher, je nachdem, ob es Hunger oder Appetit ist, der einen treibt. Ernährungsberater erklärten den Müttern jahrelang, dass es zum Frühstück nicht immer Nutella sein muss – bis sie erkannten, dass es, Nutella hin, Nutella her, oft gar kein Frühstück gibt.

Wenn man aber Diätberater fragt, wenn man die Klagen von Lehrern ernst nimmt und die Beratungen von Jugendpsychologen, wird sehr klar, dass viele Probleme auch mit dem Zerfall dieser Essensordnung zusammenhängen. Und zwar so eng, dass viele (auch moderne) Therapeuten einzelne Elemente der guten alten Tischgemeinschaft dringend zurückwünschen. Soziologen und Diätexperten beklagen am schärfsten die verloren gegangene Struktur. Statt zu festgesetzten Zeiten am Tag zu essen, essen die Menschen heute immer oder nie, sie essen unkonzentriert, nebenbei, oder hyperkonzentriert und nachtragend. Viele der Essstörungen von Jugendlichen, sagt der Ernährungsmediziner Volker Pudel, hängen auch damit zusammen, dass Mahlzeiten in den Familien kaum noch eine Rolle spielen, dass es für „normales Essen“ keinen gesellschaftlich akzeptierten Standard mehr gibt.

Wer dann zu Weihnachten erwartet, dass sich diese Standards von selbst wieder einstellen, dass die Familie das selbst gekochte Menü mit guter Laune, gutem Benehmen und Dankbarkeit goutiert, der muss Abstriche machen oder vorher üben: der Koch selbst einige Grundvoraussetzungen – zumindest das gleichzeitige Aufwärmen aller Bestandteile eines Ganges, ein Gericht, das den meisten Teilnehmern der Tischgesellschaft schmeckt; Familie und/oder Freunde sollten mit Messer und Gabel vertraut sein. Sie müssen wissen, dass es Mühe macht zu kochen. Und dass es Spaß machen kann, gemeinsam zu essen.

Dicke Kinder, dicke Erwachsene „grasen“ den ganzen Tag so vor sich hin, essen mal hier, mal da, trinken Limonade dazu und haben abends das Gefühl, doch eigentlich nichts im Magen zu haben. Dünne Kinder haben dagegen häufig völlig unbeobachtet das Essen ganz eingestellt – wer nicht an gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen muss, rutscht schneller mal durch. Dicke knuspern nicht nur in diesen Adventstagen ununterbrochen vor sich hin, die Dünnen wenden sich mit Entsetzen und ein bisschen Abscheu ab: Wie in den USA wird auch in Europa zunehmend Körpergewicht gleichgesetzt mit Disziplin, Disziplin mit sozialem Status. Je dicker ein Mensch ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er einer gehobenen oder gebildeten Schicht angehört. Der Umkehrschluss ist ebenfalls zulässig, er diktiert das Nichtessen ganzer Wohlstandsgenerationen.

Nahrungsaufnahme und Mahlzeit verhalten sich so distanziert zueinander wie selten zuvor. Denn auch die Tatsache, dass die Küchen immer größer, teurer und besser werden – neuerdings gibt es sogar welche von Porsche –, dass Kochsendungen zu den beliebtesten Fernseprogrammen gehören und Benimmkurse hoch im Kurs stehen, ist kein Widerspruch zu diesem Befund, im Gegenteil. Die Essensverwahrlosung ist längst auch ein Mittelstandsphänomen, das selbst vor Bio-Familien nicht Halt machen muss. Wurde in den 80er Jahren noch gewitzelt, dass die amerikanischen Yuppies ihre Superhochglanz-100 000-Dollar- Küchen nur zum Öffnen der Pizza- und Sushi-Schachteln brauchen, verhält es sich heute in Europa nicht fundamental anders. Wenn die Küchenbesitzer zum Kochlöffel greifen, dann tun sie das sicher gern, sie kochen auch gut. Doch mit Regelmäßigkeit hat es nichts zu tun, mit einem unspektakulärem Mittagessen nur noch selten. Die Zahl der Eins-A-Messer für alle Zwecke im Messerblock einer Küche lasse auf einen kochinteressierten Hausherrn schließen – der dieses Interesse aber auch durch Restaurantbesuche, den Erwerb teurer Rotweine oder den Kauf von Küchengeräten und Kochutensilien vollständig ausleben könne, lästert ein Inhaber eines Berliner Küchengeschäfts, der prima davon lebt. Die Ausstattung einer Küche sagt noch lange nichts darüber aus, ob gerne, gut und regelmäßig gegessen wird. Sie sagt nichts über die Qualität des familiären oder sozialen Lebens.

Tony Blair ist ein Regierungschef, dem man einen ausgesprochenen Sinn für den Zeitgeist nachsagt. Er war der Erste, der das Potenzial von Jamie-The-naked- Chef-Oliver erkannte. Das ist der britische Fernsehkoch, der einfache und gleichzeitg Aufsehen erregende Gerichte zubereitet, die so schräg sind, dass Jugendliche sie wieder gut finden. Blair und Oliver revolutionierten das britische Schulessen und störten sich nicht an den kleinen dicken Jungs, die „Ich-will-meine-Pizza-wieder“ in die Rundfunkmikrofone jammerten. Essen steht in England (ja, in England!) mittlerweile ganz oben auf der gesellschaftlichen Agenda. Wer nicht weiß, was gutes Essen ist, der kann nicht gut essen. Wer nicht gut isst, lernt nicht gut. Wer nicht gut lernt, aus dem wird nichts. Und der lässt seine eigenen Kinder auch nichts werden. So schlicht sind die Begründungsketten dafür, dass Englands Schüler besser essen sollen.

Und wir? Bei uns diskutieren die Altlinken und Neoliberalen verbittert darüber, ob man Kindern kostenloses Schulessen geben sollte, deren Eltern das Thema nicht wichtig genug finden, um das Essensgeld zu bezahlen. Es wird argumentiert, dass man keine Lust habe, diesen Eltern, die schließlich Kindergeld und Sozialhilfe und kostenlose Unterrichtsmaterialien bekommen, auch noch den Alkohol und die Zigaretten zu finanzieren. Der Historiker Paul Nolte rechnet vor, dass es doch viel einfacher, schmackhafter und preiswerter sei, aus frischem Gemüse einen Eintopf zuzubereiten, anstatt sich und die Kinder mit Pommes, Hamburgern, Nudeln und Ketchup zu ernähren.

Stimmt. Und jetzt?

Die Eltern der Kinder, die jetzt kein Schulessen mehr bekommen können, weil es niemand bezahlt, wird niemand ändern. Sie werden sich vermutlich ihr ganzes Leben lang im Zweifel für Alkohol und Zigaretten und gegen gesundes Gemüse und Schulessen entscheiden. Sie sind so, und sie werden so bleiben.

Ändern kann man nur die Kinder. Auch, indem man ihnen Schulessen gibt. Kostenlos, wenn es sein muss – umsonst ist hier der falsche Begriff. Denn umsonst ist es nicht. In dem Augenblick, in dem Schulen, Lehrer, Erzieher und Familienpolitiker endlich kapieren, dass es beim Schulessen für sozial benachteiligte Kinder nicht um unsinnige Almosen, sondern um eine Leistung für die Zukunft genau dieser Kinder und dieser Gesellschaft geht, wird die Frage der Kosten zweitrangig. Je länger die Kinder von zu Hause weg sind – zu Recht wird für sie und gerade für sie die Ganztagssschule als Standard verlangt, je weniger sie zu Hause essen, desto besser . Wenn die Schulen dazu noch begreifen, dass es um mehr geht als um ein warmes Essen, wäre noch mehr gewonnen.

Bayerische Lehrerinnen, die an ihrer Schule das Projekt „Unser Mittagstisch“ starteten, in dem ein gemeinsam gekochtes Essen gemeinsam verspeist wird, erzählen, dass Kinder und Eltern begeistert sind. Die Zöglinge essen in der Schule auch dann mit, wenn es ihnen eigentlich nicht schmeckt. Sie beginnen aus schierem Eigennutz, sich gegenseitig zu erziehen und Verhaltensnormen herauszubilden – warten, bis alle sitzen und etwas auf dem Teller haben, gemeinsames Beenden der Mahlzeit, rudimentäre Tischsitten. Dinge, die die Eltern selbst zu Hause nicht mehr lehren und auch nicht mehr durchsetzen könnten. 90 Prozent der Mütter wünschten sich auch deshalb, dass Kochen, Ernährung und Mahlzeiten ein Thema in den Schulen wird, ergab eine Umfrage im Auftrag des Tiefkühlkostherstellers Langnese.

Dafür zu sorgen, dass Kinder lernen, regelmäßig und ordentlich zu essen, ist kein Luxus. Wenn die Eltern es nicht mehr tun, muss die Gesellschaft sich darum kümmern. Das kann sie, wenn sie sich von ihren wohlfeilen Ideologien befreit. Es geht doch nur um Essen.

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