Meinung : Vollmundiger Halbmond

Angela Merkel trifft in Ankara auf ein neues türkisches Selbstbewusstsein

Thomas Seibert

George W. Bush am Montag, Tony Blair am Dienstag, jetzt Angela Merkel: Die Liste der Gesprächspartner des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in dieser Woche kann sich sehen lassen. Als säkulare Republik mit muslimischer Bevölkerung und als Brückenland zwischen Ost und West gehört die Türkei zu den geostrategischen Gewinnern des 11. Septembers 2001.

Mit der Türkei, die Merkels letzter CDU-Vorgänger Helmut Kohl 1993 besuchte, ist das Land heute nur noch bedingt vergleichbar. Die Türkei verhandelt heute mit der EU über eine Vollmitgliedschaft, was in den 90er Jahren ein ferner Traum war. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird das Land bald zu den 20 stärksten Volkswirtschaften der Welt gehören; mehr als 2000 deutsche Unternehmen sind am Bosporus tätig. Auch darauf hätten die Türken vor wenigen Jahren nicht einmal hoffen können.

Türkische Soldaten engagieren sich bei Friedenseinsätzen vom Balkan bis Afghanistan – und jetzt auch im Libanon. Im Atomstreit mit dem Iran will und muss Merkel die besonderen Kontakte der Türken zu Teheran nutzen.

Dieses gewachsene internationale Gewicht der Türkei hat für den Westen nicht nur angenehme Folgen. So ist es den Diplomaten in Ankara nicht entgangen, dass die EU angesichts der Krisen in Nahost ein Zerwürfnis mit dem Schlüsselland Türkei vermeiden will. Ein Ergebnis ist die von der EU beschworene Gefahr eines „Zugunglücks“ in den türkischen Beitrittsverhandlungen noch in diesem Herbst: Ankara weigert sich beharrlich, die türkischen Häfen für Schiffe aus dem EU-Staat Zypern zu öffnen und verlangt als Gegenleistung eine Abmilderung des internationalen Handelsboykotts gegen den türkischen Teil Zyperns.

Auch anderswo deckt sich der neue Offensivgeist der türkischen Regierung nicht mit westeuropäischen Vorstellungen. Der fromme Muslim Erdogan spricht von einer „Islam-Phobie“ des Westens, die er mit dem Antisemitismus vergleicht. Nach den Islam-Äußerungen Benedikts XVI. in Regensburg zweifelte er vorübergehend am Sinn des geplanten Papstbesuches in der Türkei. Gleichzeitig bekräftigte er aber auch seinen Willen, zu mehr Verständnis zwischen dem Westen und der islamischen Welt beizutragen. Dass er die Christdemokratin Merkel zum „Iftar“ einlud, zum traditionellen Fastenbrechen im Fastenmonat Ramadan, ist ein Zeichen dafür.

Das ist nicht der einzige Grund dafür, dass Merkels Besuch von türkischer Seite ernst genommen wird. Deutschland übernimmt im ersten Halbjahr 2007 die EU-Ratspräsidentschaft. Auch ist die Kanzlerin für die Türkei derzeit wichtiger als andere Regierungschefs in Europa: Blair ist nach seiner Rücktrittsankündigung eine „lahme Ente“, Frankreich ein halbes Jahr vor der Präsidentenwahl kaum ansprechbar. Merkels Ermahnungen im Zypernstreit und zu den Mängeln der türkischen Reformpolitik sind deshalb für Ankara derzeit bedeutsamer als die Kritik anderer EU-Politiker. Darin liegt die große Chance des Besuches.

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