Meinung : Vom Dackel entmannt

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Von Roger Boyes

Hund erschießt Herrchen, brüllte die Schlagzeile. Und ich dachte mir: Mein Gott, jetzt geht’s los! Es war ja nur eine Frage der Zeit – auch Sie werden es geahnt haben–, bis die Hunde die Waffe gegen ihre Herrn ergreifen würden. Die Story stand in der „Sun“. (Während der WM deuten Korrespondenten die öffentliche Stimmung, indem sie die Boulevardpresse mit jenem willig-professionellen Geist lesen, mit dem Ärzte Rektoskopien machen.) Ein verspielter Hund hat den Jäger angesprungen und zufällig den Abzug ausgelöst.

Nun gut, das ist jedenfalls die Version des Hundes, wenn Sie ihm glauben wollen. Ich werde meine Flinten künftig sorgfältig wegschließen. Ich wittere den Wind des Wandels. Die Hunde haben die Schnauze voll.

In Berlin kann man das bereits überall beobachten. Im Grunewald behandeln die Hunde die Menschen als ihre persönlichen Fitnesstrainer. In der Forckenbeckstraße gibt es einen riesigen Hunde-Supermarkt, wo man Wasserbetten und andere Annehmlichkeiten für Vierbeiner kaufen kann. Neulich erst strich ein Labrador die Gänge entlang auf der Suche nach seinem Lieblingsspielzeug. Hinterher lief das folgsame Frauchen mit dem Einkaufswagen und sammelte ein, was ihr Hund ausgewählt hatte. Kein Restaurant kann in Mode kommen, wenn es nicht auf Hunde hält. Man muss nur die Kellner im „Borchardt“ beobachten, wenn Sabine Christiansen mit ihrem merkwürdigen grauen Terrier eintritt. Bald werden die Hunde die Küche übernehmen. Schon heute schmeckt das Essen manchmal danach.

Bremen hat als Erstes reagiert und Leute angestellt, die den Hunden nach Hause folgen, um zu prüfen, ob die ihre Hundesteuer bezahlt haben. Das klingt nach einer PDS-Idee – und die ist gut. Wir sollten eine zentrale Hundekartei einrichten, damit man die Dissidenten und potenziellen Revolutionäre unter den Hunden verfolgen kann. Hunde müssen beobachtet werden.

Für Berlin ist es möglicherweise schon zu spät. Anderswo in der Welt werden Hunde ihren Herrchen immer ähnlicher. In Berlin ist es umgekehrt.

Zum guten Schluss ein paar warnende Hinweise für Leute, die ihre Katze lieben:

– Canis Gysis: klein aggressiv, beißt Kinder, vertreibt Investoren;

– Guido-dog: In England führen so genannte guide dogs Blinde; in Berlin ist Guido-dog blind und führt Menschen in ihr Verderben;

– Rotlangweiler: verweigert den Maulkorb trotz wachsender Wut, Schaum am Maul (Canis Oscaris);

– Wowi-wauwau: riecht angenehm;

– Bayerischer Jagdhund: jagt alles, was sich bewegt: Fuchs, Wildschwein, Fasan, Eichhörnchen und den eigenen Schwanz; fängt jedoch nichts.

Vielleicht denken Sie jetzt, ich sei paranoid geworden. Aber paranoid zu sein in Berlin heißt: alle Fakten zu kennen. Wie sonst lässt sich das Verbot eines Buches aus dem Eichborn-Verlag über die „Bild“-Zeitung erklären? Der Titel: „Vom Dackel der Schwiegermutter entmannt“.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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