Meinung : Vom Debakel zur Tragödie

Die Hisbollah frohlockt, der Iran ist gestärkt: Der Libanonkrieg war, ebenso wie zuvor der Irakkrieg, ein schwerer strategischer Fehler

Bassam Tibi

Auf den Trümmern des schiitischen Stadtteils von Beirut sah man Frauen, die von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt waren. Sie trugen rote Fahnen mit der englischen Aufschrift „The Divine Victory“. Warum nicht auf Arabisch? Weil die Szene für westliche Fernsehkameras gestellt war. Ganz anders war das Bild – ebenso im Süden Beiruts – von Libanons Ministerpräsident Fouad Siniora, begleitet vom Hisbollah-Abgeordneten Ali Amman: Zu sehen waren auf den Trümmern gut für die Fernsehkameras angebrachte, die Zerstörung zur Schau stellende Plakate mit der arabischen Aufschrift: „Suni’a fi al-wilayat at Muttahideh al-Amerikiyye/Made in USA“. Das erste Bild sollte schwache Frauen als Opfer des „Judenstaates“ zeigen, die dennoch an den „heiligen Sieg“ glauben, das zweite dagegen den Hass gegen die USA als Staat der neuen Kreuzzügler schüren, der dem „zionistischen Staat“ in seinem „Kampf gegen den Islam“ unter die Arme greift.

Am jüngsten Libanonkrieg lässt sich exemplarisch der neue Kriegstyp belegen, der auf drei Ebenen geführt wird und den die USA, Europa und Israel in den Augen der Muslime gemeinsam verloren haben. Dieser Krieg wird erstens durch nichtstaatliche Akteure (irreguläre Kämpfer) geführt, was eine neue Form der Gewalt bedingt. Zweitens wird er auf weltanschaulicher Ebene und drittens als Propagandakrieg geführt. Den Ausgang dieses Krieges beschrieb das britische Magazin „The Economist“ auf seinem Titelbild so: „Nasrallah wins the war“. Totalitäre Staaten, die diesen Krieg provoziert haben, Iran und Syrien, sind dessen Nutznießer, aber der wirkliche Sieger ist der politische Islam als transnationale Bewegung.

Als liberaler Muslim trete ich seit zwei Dekaden für die Unterscheidung zwischen dem Islam als Religion und dem Islamismus als dem neuen Totalitarismus ein. Folgerichtig muss es eine Doppelstrategie geben: Dialog mit dem Islam und Sicherheitspolitik gegenüber dem Dschihadismus, die auch Krieg einschließt (so in Afghanistan gegen die Taliban und Al Qaida), weil Terror nicht mit Werten allein aufzuhalten ist.

Dennoch war der jüngste Libanonkrieg ein schwerer strategischer Fehler, ebenso wie sein Vorgänger im Irak. Beide hätten schlicht nicht sein dürfen, weil sie nur das Gegenteil des Gewünschten bewirkten. Auf allen drei Ebenen hat die klerikal-faschistische Hisbollah als Stellvertreter des Gottesstaates Iran gegen den Judenstaat Israel triumphieren können. Die Hisbollah sollte eliminiert werden, aber im Ergebnis ist sie durch den Krieg stärker geworden. Kein liberaler Muslim kann sich darüber freuen, dass diese Bewegung heute bestimmt, wo es im Libanon und im Nahen Osten langgeht. Es wurden die gleichen Fehler gemacht wie zuvor im Irak, und Israel scheint aus seiner Erfahrung mit der Hamas seit September 2000 wenig dazugelernt zu haben.

In Europa verstehen viele nicht, dass der Sieg der Hisbollah der Sieg einer klerikal-faschistischen Bewegung ist. Die bittere Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten wird nach dem Libanonkrieg eingestellt, nicht etwa zugunsten von Demokratie, sondern für eine Einheit im Dschihad. Die sunnitische Muslimbruderschaft in Ägypten, die bei ihrer Gründung 1928 die erste Bewegung des Islamismus überhaupt war, urteilt laut einem Bericht der „New York Times“ aus Kairo: „Ein Sieg für die Hisbollah im Libanon ist im weiteren Sinne auch ein Sieg für die Muslimbruderschaft.“

Alle fünf regulären arabisch-israelischen Kriege (1948, 1956, 1967, 1973, 1982) hat die israelische Armee überwältigend gewonnen, während die arabischen Armeen vernichtende Niederlagen erlitten. Das hat sich im Intifada-Krieg der Palästinenser, der seit September 2000 anhält, geändert. Zwar gewinnt die Hamas nicht, Israel aber genauso wenig. Der Vorteil der Hisbollah gegenüber der Hamas besteht allerdings darin, dass sie erstens Schurkenstaaten wie Syrien und Iran hinter sich hat, die unantastbar sind, und zweitens in einem Land agiert, wo es praktisch keinen Staat gibt. Die Formel „Staat im Staat“ ist falsch. Im Libanon existiert der Staat nur nominell. Der irreguläre Krieg des Dschihadismus, der alles religionisiert, bestimmt das Gefüge des Libanon. Das hatte der Mossad offensichtlich nicht mitbekommen.

Dennoch ist es falsch zu behaupten, dass die Hisbollah militärisch gegen Israel gesiegt hat. Sie überlebte – und das ist ihr Sieg. Denn es ging eben auch um einen „weltanschaulichen Krieg“ und um einen Propagandakrieg der Medien. Der Hisbollah gelang es durch Fälschungen und Inszenierungen, sich gegenüber der Weltöffentlichkeit, besonders aber gegenüber Europa, in ein besseres Licht zu rücken und Israel als blutrünstigen Aggressor darzustellen. Viele westliche Journalisten ließen sich unfreiwillig instrumentalisieren, andere taten dies freiwillig. Ein Beispiel: Von Kana aus wurden 150 Katjuscha-Raketen auf israelische Orte abgefeuert. Die IDF (Israel Defense Force) schoss zurück und zerstörte ein Haus mit Zivilisten. Die wirkliche Zahl von 28 Toten wurde auf 60 manipuliert; viele Leichen wurden nachträglich in das Haus gebracht, um der Presse gestellte Szenen zu präsentieren.

Doch auch militärisch war der Ablauf des Krieges fatal. Israel glaubte, mit einem brutalen Luftkrieg die Hisbollah, die in unterirdischen Tunneln und mitten in der Zivilbevölkerung agierte, bezwingen zu können. Die Bodenkämpfe wurden viel zu spät eingeleitet, waren zu kurz, kaum ergiebig und mussten nach der UN-Resolution 1701 eingestellt werden.

Kriege haben Ursachen, einen Verlauf und Folgen. Die wichtigsten Folgen ergeben sich aus dem Pyrrhussieg der Hisbollah, der nämlich eine Niederlage für den Nahostfrieden ist: Der nächste Krieg ist programmiert. Zunächst kann man mit dem ehemaligen Chefredakteur des Berliner Büros der „New York Times“, Steven Erlanger, der diesen Krieg von Jerusalem aus begleitete, festhalten: „Hisbollah wird in ein heroisches Licht gehüllt, nicht nur im Libanon, sondern in der ganzen muslimischen Welt.“ Das veranlasst zur Sorge, weil hier nicht nur eine „Partei Gottes“ einen Krieg gegen Israel führt, sondern auch deren Sympathisanten etwa in den USA und England. Deutsche Dritte-Welt-Romantiker, die nicht begreifen, dass die Hisbollah eine klerikal-faschistische und zutiefst antisemitische, vom fundamentalistischen Gottesstaat Iran gesteuerte und finanzierte Terrorbewegung ist, übersehen solche Realitäten.

Die Folgen des Krieges sind auf mehreren Ebenen bestürzend: Dessen als Sieg für die Hisbollah wahrgenommenes Ende hat zu einem erheblichen Aufblühen des Islamismus beigetragen. Der iranische Einfluss wurde weiter gestärkt. Dieser war ebenfalls eine nicht beabsichtigte Folge des Irakkrieges, der der transnationalen Schi’a im Nahen Osten Auftrieb gab. Die beiden von Iran gestützten schiitischen Bewegungen Iraks, Sciri und die Mahdi-Armee, sitzen dort in Regierung und Parlament. Die Schwesterbewegung der Hisbollah im Irak ist die Mahdi-Armee von Muqtada al Sadr. Obwohl diese sich wie die Hisbollah zum Dschihadismus, also zur Gewalt, bekennt, sitzt sie ebenso wie die Hamas und die Hisbollah durch gewählte Abgeordnete im Parlament und hat Minister im Kabinett. Als Beweis für ihre Mobilisierungsfähigkeit hat die Mahdi-Armee 100 000 Menschen in Bagdad für die Hisbollah in weißen Gewändern (der Kleidung des Todes) auftreten lassen. Alle drei dschihadistischen Bewegungen, die sunnitische Hamas, die schiitische Hisbollah sowie die Mahdi-Armee betreiben ein Doppelspiel: Beteiligung an der Demokratie bei gleichzeitiger Beibehaltung ihrer irregulären Armee.

Selbst sunnitische Araber nehmen den als Sieg für die Hisbollah gefeierten Ausgang des Krieges freudig auf. Zu dessen schlimmsten Konsequenzen gehört daher das vorläufige Ende der Aussicht auf einen Frieden auf der Basis eines Palästinenserstaates. Als unabdingbare Grundvoraussetzung für diesen Frieden gilt, dass die arabischen Staaten das Recht des jüdischen Volkes auf staatliche Existenz, also den Staat Israel, anerkennen – und Israel die Rechte der Palästinenser anerkennt. Die Islamisten indes lehnen Israel ab und betrachten die israelische Leistung, besetztes Gebiet im Libanon im Jahr 2000 bedingungslos verlassen zu haben, als Schwäche. Die israelischen Geheimdienste haben versagt und nicht mitbekommen, was im Südlibanon nach dem israelischen Abzug geschah. Die Hisbollah hat im Laufe der vergangenen sechs Jahre nicht nur das gesamte Gebiet des Südlibanon durch irreguläre Truppen unter ihre Kontrolle gebracht, sondern auch ein unterirdisches Lagersystem für ihre Katjuschas und Panzerabwehrraketen aufgebaut. Syrien und Iran haben massiv nachgeholfen.

Ein Beispiel: Im Dezember 2003 fand ein Erdbeben im südiranischen Bam statt. Die Europäer reagierten mit der Entsendung von großen Hilfsgütertransporten; ebenso „humanitär“ haben Syrien und Iran gehandelt: Syrische Flugzeuge waren auch vor Ort, aber sie brachten aus dem Iran keine Verletzten in syrische Krankenhäuser, sondern alle möglichen Waffenarten, vor allem Zelzal-Raketen sowie Panzerabwehrgeschosse, die an die Hisbollah weitergereicht wurden. Diese Waffen wurden im jüngsten Krieg gegen Israel mit optimalem Erfolg eingesetzt.

Die Opfer waren auf beiden Seiten die Zivilisten. Der Unterschied ist aber: Die Hisbollah-Dschihadisten tragen keine Uniform und führen ihren Krieg mitten in der eigenen libanesischen Bevölkerung. Unter diesen Bedingungen war klar, dass jede Abwehr seitens der Israelis gleichermaßen unschuldige Zivilisten wie Hisbollah-Dschihadisten treffen würde. Die Hisbollah war also nicht nur für die IDF nicht fassbar, sondern fuhr nach jeder israelischen Gegenwehr einen moralischen Sieg in den internationalen Medien ein.

Auch der Nahostfriede ist zum Opfer der Hisbollah geworden. Denn die jetzige israelische Regierung, die mit dem Wahlversprechen antrat, die Westbank unilateral zu räumen, wird dies nicht mehr tun. Sie befürchtet, dass das, was im Südlibanon nach 2000 geschah, sich in Palästina wiederholt. Die praktische Grundlage für einen Staat Palästina ist das Ende der Okkupation. Nun hat die Hisbollah ein Modell dafür geboten, was die Hamas als Regierungsmacht in einem unabhängigen Palästina erreichen kann. Die Israelis haben aus dem jüngsten Krieg nicht nur gelernt, dass sie eine mitten in der Bevölkerung und unterirdisch agierende irreguläre Armee mit einem Luftkrieg nicht erfolgreich besiegen können, sondern auch, dass es zu keinem der Fehler von 2000 kommen darf.

Unmittelbar nach Einstellung der Kriegshandlungen im Libanon kam die kaum noch überraschende Nachricht aus Jerusalem: Nach dem Krieg im Libanon will die israelische Regierung ihre Planung für einen Abzug aus dem Westjordanland vorerst nicht weiterverfolgen… Das Projekt sei nach den Kämpfen mit der Hisbollah nicht mehr aktuell. Damit entscheidet der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert, dass die Hamas ihren „heiligen Sieg“ analog zu der Hisbollah nicht bekommen wird, und damit endet in aller Brutalität der Friedensprozess.

Was wird jedoch im Libanon geschehen? Werden die UN-Truppen leisten, was die libanesische Armee bisher nicht vermochte? Können sie den nächsten Krieg zwischen Iran und Israel verhindern, den die „Neue Zürcher Zeitung“ und der „Economist“ bereits voraussagen? Weder die libanesische Armee noch die UN-Truppen werden die Hisbollah entwaffnen können. Deswegen bleibt deren Armee erhalten, die, weil irregulär, nicht an eine internationale Vereinbarung gebunden werden kann.

Europäern lässt sich der Charakter des dschihadistischen Islamismus nur schwer vermitteln. Sie suchen stets den Dialog. Dabei haben sich Muslime an eine Form des Dialogs gewöhnt, bei der sie Anklagen erheben, ohne dass die Europäer widersprechen. Während des Krieges im Libanon wurde ein Massenmord von Dschihadisten in London vereitelt, zehn Passagierflugzeuge hätten gesprengt werden sollen. Und was geschah? Die Führer der Islam-Gemeinde klagten Tony Blair in einem offenen Brief an und rechtfertigten den Terror mit den Kriegen in Irak und Afghanistan. In London kursierte in diesen Kreisen, der vereitelte Anschlag sei eine „Ente“, um vom Mord an den Muslimen im Libanon abzulenken. Diese Art von Dialog kann man sich als „First-Class-Ticket-tonowhere“ schenken.

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