Meinung : Vom Döner lernen

Selbstständigkeit als sozialer Aufstieg: Warum Migranten eher Unternehmen gründen

Cordula Eubel

Manchmal lohnt es sich, genau hinzusehen. In den letzten Jahren hat ein Boom stattgefunden – von der Öffentlichkeit beinahe unbemerkt: Die Zahl der Selbstständigen, die aus dem Ausland stammen, ist in Deutschland seit 1991 um 60 Prozent gestiegen. Ein Zuwachs, der mehr als doppelt so hoch ist wie bei den Deutschen. Die etwa 300000 Selbstständigen mit Migrationshintergrund setzen mehr als 50 Milliarden Euro im Jahr um und sichern rund eine Million Arbeitsplätze in Deutschland.

Natürlich sind das nur drei bis vier Prozent der Arbeitsplätze. Aber wer in Deutschland etwas gegen die Krise am Arbeitsmarkt tun möchte, kann von den eingewanderten Türken, Italienern und Griechen, die sich hier etabliert haben, einiges lernen.

Zum Beispiel haben ausländische Unternehmensgründer mehr Mut. Sie wagen schneller den Schritt in die Selbstständigkeit. Während auf 10000 deutsche Erwerbspersonen laut einer aktuellen Studie 122 Gründungen kommen, sind es bei den Türken 197. Sie gehen das Risiko ein, obwohl sie höhere Hürden überwinden müssen. Banken zum Beispiel sind misstrauischer, Migranten Kredite zu gewähren. Auch auf staatliche Fördertöpfe haben Migranten schlechteren Zugriff. Vielen bleibt nur, in der Familie das Startkapital zusammenzukratzen.

Trotzdem wagen sie den Weg in die Selbstständigkeit. Das liegt auch daran, dass sie in der Gesellschaft aufsteigen wollen. Als Motiv für die Existenzgründung geben sie an, dass sie mehr Geld und höheres Ansehen anstreben, der eigene Chef sein wollen. Wer einen Betrieb gründet oder übernimmt, will sich selbst verwirklichen.

Natürlich gibt es auch ökonomische Zwänge. Etwa ein Fünftel der Türken hat den Weg in die Selbstständigkeit gewählt, weil sie arbeitslos waren oder zumindest fürchteten, den Job zu verlieren. Ausländer haben schlechtere Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Ihr Anteil an der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung hat seit den 90er Jahren abgenommen, während gleichzeitig der Ausländeranteil bei den Arbeitslosen gestiegen ist.

Eingebürgerte Selbstständige bringen den Mut zur Gründung auf, obwohl sie im Durchschnitt schlechter ausgebildet sind als die Deutschen. Ein Drittel hat noch nicht einmal einen Berufsabschluss. Das birgt natürlich das Risiko des Scheiterns. Die Statistiken zeigen, dass Türken, Italiener und Griechen zwar schneller ihren eigenen Betrieb gründen, ihn aber auch häufiger wieder schließen müssen. Das liegt auch daran, dass nicht immer Kenntnisse in Betriebswirtschaft oder Buchhaltung vorhanden sind.

Aus unserem Alltag sind sie inzwischen nicht mehr wegzudenken: die Pizzeria, der türkische Gemüseladen und die griechische Änderungsschneiderei um die Ecke. Selbstständige, die aus dem Ausland stammen, sichern Lebensqualität im Stadtviertel – für Deutsche ebenso wie für ihre Landsleute. Wo früher der Tante-Emma-Laden war, springt nun Onkel Ali ein.

Migranten haben sich aber in den letzten Jahren nicht nur in ihren Nischen ausgebreitet. Längst gehen die Aktivitäten über die klassischen Bereiche Gastronomie und Handel hinaus. Je mehr ausländische Geschäftsleute es gibt, desto größer ist auch der Bedarf an wirtschaftsnahen Dienstleistungen – etwa als Steuerberater oder Anwalt, auch für die eigene Community. Für gut ausgebildete Migranten ist das in den kommenden Jahren eine Chance. Wenn sie diese Möglichkeiten nutzen, kann der Boom der „ethnischen Ökonomie“ sich fortsetzen.

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