Meinung : „Vom Glamour der US-Macht geblendet“

Matthias Thibaut

Viele Briten horchten auf, als Sir Christopher Meyer vor kurzem den „Krankenbettgeruch“, der die Regierung Tony Blair umwehe, mit den letzten Tagen der Regierung von John Major verglich. Hatte der memoirenschreibende Diplomat doch im „Guardian“ soeben direkt aus dem Schlafzimmer des meist schäumenden Majors berichtet, dessen Pressechef er damals war. Morgendlich musste er den Premier unterrichten, als dieser noch in der Unterhose war. „Gelegentlich wurde ich ins Badezimmer gerufen, wo Major, während ich sprach, irgendwelche Dinge ausspülte.“

Eine Woche lang belustigte Meyer, loyaler Beamter seiner Majestät, zuletzt bis zum Beginn der Irak-Invasion Botschafter in Washington, das Land mit Intimgeschichten der Macht. Währenddessen focht Blair im Unterhaus die schwersten Grabenkämpfe gegen seine Hinterbänkler aus. Zufall. Aber nun wirkten Meyers Geschichten wie ein Vergrößerungsglas, das die schmutzigen Poren der Blair-Mannschaft zeigte.

Details über Tonys „eierquetschende Jeans“ beim Camp-David-Gipfel oder seinen „mangelnden Appetit auf Details“. Spott über Blairs „Zwergenkabinett“ und die „rätselhaften Redehemmungen“ des „liebenswerten Jack“, Außenminister Straw. Es war, als folge Meyer der alten Devise, „tretet sie, wenn sie am Boden liegen“. Der Kern seiner Memoiren, der Vorwurf, Blair habe die britische Kriegsbeteiligung unter Preis verkauft, ging im Gelächter unter.

36 Jahre lang war Meyer Diplomat. 1997 wurde er nach Washington geschickt, „um dem Weißen Haus in den Arsch zu kriechen“. Der Auftrag wurde souverän erfüllt. Meyer und seine Frau wurden Freunde der Bushs.

Ende der Woche platzte dem „liebenswerten Jack“ dann der Kragen. Scharf verurteilte er den „unakzeptablen Vertrauensbruch“. Ehemalige Leiter des exklusiven „Civil Service“ warnten, nie mehr würden Politiker Vertrauen zu ihren Beamten fassen. Und der Chef des diplomatischen Dienstes warnte, Memoiren „schädigten die britische Außenpolitik“.

Doch Sir Christopher blieb ungerührt und sprach von „doppelter Moral“. Das Buch sei geprüft und genehmigt worden. Staatsgeheimnisse würden nicht verraten. Und alle wissen, dass Premier Blair wohl bald selbst bei der lukrativen Memoirenindustrie anheuern wird. Schließlich muss er eine VierMillionen-Euro-Hypothek auf sein Häuschen am Connaught Square abzahlen.

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