Meinung : Vom Hund gebissen

Eine Organspenderin war mit Tollwut infiziert – und keiner hat’s gemerkt

Hartmut Wewetzer

Eine Organspende, die Leben retten soll – und die am Ende vermutlich den Tod bringt. Dieser Albtraum ist an der Mainzer Uniklinik Wirklichkeit geworden. Dort wurden Nieren, Leber und Augenhornhaut einer jungen Frau, die an Tollwut erkrankt war, unwissentlich an sechs Empfänger transplantiert. Mindestens drei von ihnen sind von dem gefährlichen Virus infiziert worden.

„Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit in der Transplantationsmedizin“, rechtfertigt sich die Klinik. Das stimmt, erst recht im Fall von Tollwut. Diese Krankheit ist in Deutschland extrem selten, eine Routine-Untersuchung von Organspendern auf Tollwut erscheint deshalb nicht sinnvoll. Zudem sind die Nachweisverfahren sehr kompliziert. Allerdings könnte es sein, dass mit der Zunahme von Fernreisen auch mehr und mehr exotische Erreger eingeschleppt werden. Die Tollwutpatientin war in Indien vermutlich von einem Hund gebissen worden. Dort sterben jedes Jahr Tausende an der Krankheit. Auch abseitige Erreger werden also vermutlich wichtiger.

Muss man den Ärzten dennoch Vorwürfe machen? Zumindest einige Fragen sind nicht befriedigend beantwortet worden. Die junge Frau war wegen ihrer Beschwerden in drei Krankenhäusern gewesen und wohl schon durch merkwürdiges Verhalten aufgefallen, bevor sie in die Uniklinik kam. Dort starb sie, womöglich an Tollwut. Gab es keine Symptome, die auf ein ungeklärtes Leiden im Nervensystem hindeuteten? Hatte man den Indienaufenthalt der Patientin wenige Monate zuvor in die Beurteilung der Krankheit einbezogen? Hätte nicht schon der Verdacht auf eine Hirnentzündung, möglicherweise durch einen exotischen Erreger verursacht, ausreichen müssen, um von einer Organspende Abstand zu nehmen?

Ob fahrlässig gehandelt wurde, soll nun der Staatsanwalt klären. Es könnte auch sein, dass sich alle Verdachtsmomente zweifelsfrei ausräumen lassen. Natürlich hat niemand willentlich infizierte Organe verpflanzt. Die Ärzte haben das Leiden schwerkranker Patienten vor Augen, deren Leben sie leichter machen oder sogar retten können. Umso tragischer sind solche Vorkommnisse, die den Zweck der Medizin ins Gegenteil verkehren.

Es gibt wenige medizinische Verfahren, die im Fall des Gelingens so rasch Patienten von Abgrund des Todes zurück ins Leben bringen, wie die Organverpflanzung. Das führt auf der anderen Seite dazu, dass der Druck auf die Ärzte sehr groß ist, zumal die Wartelisten für Organe immer länger werden. Die Versuchung, bei der Auswahl der Organspender über Auffälligkeiten hinwegzusehen, ist kaum von der Hand zu weisen. Schließlich denkt man an die Patienten, deren Leben mit der Spende gerettet werden kann.

Jetzt fürchten Ärzte, dass der Mainzer Tollwutfall die Transplantationsmedizin in ein schlechtes Licht tauchen könnte. Denn nichts braucht die Organtransplantation mehr als Vertrauen. Aber das ist ein Grund mehr, die Vorgänge restlos aufzuklären.

Der Mangel an Organen ist das grundsätzliche Problem der Transplantationsmedizin. Deshalb hat man die Altersgrenze für Spender heraufgesetzt, so dass heute selbst 80-Jährige in Frage kommen. Die Verwandtenspende ist eine zweite Möglichkeit, dem Mangel zu begegnen. Bei der Auswahl der Spender leichtfertig zu werden, darf dagegen auch in Zukunft kein gangbarer Weg sein.

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