Vom Kap bis Kairo : Afrika denkt mit dem Blut

Die Rückkehr des Stammesdenkens verhindert eine Modernisierung des Kontinents

Wolfgang Drechsler

W enn es den Konjunktiv nicht gäbe, für Afrika müsste er erfunden werden. Eigentlich müsste der schwarze Kontinent ebenso entwickelt sein wie Südamerika oder Asien. Was an Edelmetallen und anderen Bodenschätzen wertvoll ist, findet sich in seinem Boden: Afrika hat 88 Prozent aller Platinreserven, 73 Prozent aller Diamanten, 60 Prozent allen Kobalts und Mangans und 40 Prozent allen Goldes. Die Landwirtschaft könnte blühen und Überschüsse produzieren. Afrikas Flüsse böten ein immenses Potenzial für die Stromgewinnung. Allein das Aufstauen des Kongo würde genug Energie freisetzen, um damit fast den gesamten Kontinent zwischen Kap und Kairo zu beleuchten.

Müsste, könnte, würde – die Variationen des Konjunktivs beschreiben das Schicksal eines Kontinents und seiner 800 Millionen Menschen. Statt seinen Wohlstand zu mehren, ist Afrika weit hinter den Rest der Welt zurückgefallen. Trotz einzelner Fortschritte besteht sein Antlitz noch immer aus extremer Armut, Krankheit und Gewalt: Die blutigen Kämpfe, die Kenia seit der Wahlfarce Ende Dezember erschüttern, sind ein neuerlicher Beleg dafür, wie labil selbst die vermeintlichen Stabilitätsanker des schwarzen Kontinents sind.

Kenia ist nur ein weiteres Puzzleteil in einem düsteren Gesamtbild. Im seinem Zentrum liegt der riesige Kongo, das kranke Herz des Kontinents. Gleich darüber, in Sudans Westprovinz Darfur, aber auch im Tschad, herrschen Bürgerkrieg und Anarchie, genauso wie in Somalia. Äthiopien und Eritrea rühren gerade von Neuem die Kriegstrommel. In Simbabwe ruiniert ein greiser Diktator seit Jahren das einstige Entwicklungsmodell. Und in Südafrika, dem modernsten Staat des Kontinents, wird ein Mann zum Präsidenten des regierenden ANC gewählt, der wegen Korruption angeklagt und mit vier Frauen verheiratet ist.

An dieser deprimierenden Bilanz ändern auch die ständigen Forderungen aus Europa nichts, doch endlich einmal die vermeintlichen „Erfolgsgeschichten“ stärker hervorzuheben. Ganz davon abgesehen, dass keine einzige von ihnen anderswo als Erfolg gelten würde, handelt es sich um wenig repräsentative Länder wie die Steppenstaaten Botswana und Mali oder die Inselrepublik Mauritius, die zusammen auf kaum 2 Prozent der afrikanischen Gesamtbevölkerung kommen.

50 Jahre nach Beginn der Entkolonialisierung stellt sich immer dringlicher die Frage, warum Afrika als einziger Kontinent seit Jahrzehnten auf der Stelle tritt und mit Ausnahme des bis 1994 von Weißen regierten Südafrika fast komplett von der Weltwirtschaft abgekoppelt ist. Viele Menschen, insbesondere die Afrikaner selbst, machen noch immer den Kolonialismus für die Misere des Kontinents verantwortlich. Afrika, so heißt es, sei durch die Landnahme der Weißen deformiert und ausgeplündert worden. Dabei ist Europa zum Beispiel in Indochina ganz ähnlich vorgegangen. Vietnam war 1976 zerbombt und lag weit hinter Afrika. Heute gehört es zu den Boomländern dieser Welt.

Ins Innere Afrikas stießen die Europäer erst nach 1870 vor. Kaum 100 Jahre später waren sie, mit Ausnahme des südlichen Afrika, fast überall schon wieder verschwunden. In vielen Regionen währte ihre Herrschaft kaum ein halbes Jahrhundert. Dennoch sind Afrikas interne Strukturen offenbar derart brüchig, dass dem Kontinent, im Gegensatz zu Asien, kein Neuanfang gelingt .

Längst ist der ständige Verweis der Afrikaner auf die Übel der Kolonisation zu einer bequemen Ausrede für das eigene Versagen geworden. Natürlich haben Sklavenhandel und Kolonialismus ihren Anteil daran gehabt, dass Afrika es nie geschafft hat, auf eigenen Beinen zu stehen. Und natürlich haben die Afrikaner dadurch psychologisch Schaden genommen, so dass es vielen noch heute an Selbstwertgefühl mangelt. Aber der Kolonialismus hat auch wie nichts anderes die Modernisierung Afrikas angestoßen. Und eine konkrete Anleitung für das künftige Vorgehen bieten historische Schuldzuweisungen schon gar nicht.

Mit den Wahlen in Kenia hat Afrikas langsame Annäherung an demokratische Verhältnisse einen weiteren herben Rückschlag erlitten. Dass es auf dem schwarzen Kontinent ungleich häufiger zu Wahlmauscheleien kommt, liegt zum einen an dem aus westlicher Sicht fehlenden Demokratiebewusstsein. Wahlen schaffen aber auch Uneinigkeit und passen deshalb schlecht in das von Konsens und Harmonie geprägte Weltbild der Afrikaner.

Zum anderen werden die Eigenheiten des (europäischen) Nationalstaats in Afrika mit den traditionellen Normen der dortigen Gesellschaften verknüpft. Geprägt wird dieses Wechselspiel von einer absolutistisch anmutenden, fast unumschränkten Machtfülle des afrikanischen Staatschefs und einem Verständnis vom Staat, das diesen als reine Einnahmequelle betrachtet.

Kenia liefert ein Anschauungsbeispiel dafür. Auch sein Gründervater Yomo Kenyatta erklärte aus Anlass der Unabhängigkeit den Bruch mit dem kolonialen Europa – und übernahm dann prompt die europäischste aller politischen Organisationsformen: den Nationalstaat, der die traditionell hierarchischen Strukturen Afrikas noch verfestigte. Dabei erfüllen die meisten Staaten des schwarzen Kontinents bis heute nicht die Grundkriterien souveräner Nationalstaaten. Sie kontrollieren oft weder ihr eigenes Staatsgebiet, noch verfügen sie landesweit über eine funktionierende Verwaltung. Schwache demokratische Institutionen korrespondieren direkt mit einer enormen Machtfülle des Präsidenten.

Die Unterstützung der Zivilgesellschaft im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit hat daran wenig geändert. Im Gegenteil: Die unverfrorene Selbstbedienungsmentalität der Eliten in Afrika hat dazu geführt, dass sich immer mehr seiner Staaten in Auflösung befinden und die dünne demokratische Decke weiter erodiert. Schon aus Enttäuschung über ihre fortgesetzte Verarmung bleiben viele Afrikaner deshalb einem Stammesdenken verhaftet und kennen keine stärkere Loyalität gegenüber der neu geschaffenen Nation. „Wenn Korruption und Vetternwirtschaft wie fast überall in Afrika prägende Merkmale einer Gesellschaft sind, bröckelt der dünne zivilisatorische Firnis, mit dem die postkolonialen Staaten eine Zeit lang zu verdecken wussten, dass sie kein Staat im modernen Sinne sind“, schreibt der Konfliktforscher Ulrich Menzel.

Natürlich ist die Spaltung eines Staates entlang ethnischer Linien wie jetzt in Kenia kein spezifisch afrikanisches Phänomen. In Afrika ist dieser Prozess jedoch stärker ausgeprägt als anderswo: Die meisten Kenianer scheinen jedenfalls heute der einstigen Aufforderung Bismarcks an die Deutschen zu folgen und „mit ihrem Blut zu denken“. Dabei kann die Gruppe, der sich viele wie einer Großfamilie verwandt fühlen, entweder kulturell (Sprache, Religion), biologisch (Rasse, Stamm) oder territorial (Region) definiert sein.

Die Erwartung, dass Verstädterung und Industrialisierung wie ein großer Schmelztiegel wirken und die Unterschiede zwischen den Volksgruppen am Ende verwischen würde, hat sich als Trugschluss erwiesen. Stattdessen scheint es so, dass viele Menschen gerade in der unübersichtlichen Gesellschaft der Moderne nach einem emotionalen Anker suchen. Dabei verbindet die Ethnizität wie jetzt in Kenia diese gefühlsmäßige mit einer handfest materiellen Komponente: Im Verteilungskampf um knappe Ressourcen werden Volksgruppen zu „pressure groups“. Die Hinwendung zum eigenen Stamm kommt für den Einzelnen somit einer (überaus rationalen) Sozialversicherung gleich.

Die Möglichkeit, auf diese Weise an den Pfründen des Staates zu partizipieren, ist in der Regel nur bei Wahlen infrage gestellt – und genau das fördert die Militanz und verleitet zum Betrug. Abgesehen von der Schmach einer Niederlage bedeutet der Verlust von Macht und Einkommen den Zerfall einer festen Klientel. Bei Wahlen steht somit in Afrika stets sehr viel auf dem Spiel: Wird der Präsident abgewählt, hat dies in Afrika Auswirkungen bis in die kleinsten Verästelungen eines Landes.

Während der Kolonialismus mit seiner starken Zentralgewalt das Stammesdenken entweder gewaltsam unterdrückte oder für eigene Zwecke nutzbar machte, sind die vielen labilen Staaten Afrikas wegen des fehlenden Gewaltmonopols dazu nun nicht mehr in der Lage. Die Gewalt in Kenia ruft schmerzhaft in Erinnerung, dass das Denken in Stammeskategorien offenbar nichts von seiner alten Anziehungskraft verloren hat. Auch in Kenia ist dies eine direkte Folge staatlichen Versagens: Obwohl Präsident Mwai Kibaki alle ethnischen Gruppen in sein früheres Kabinett einband, bestand im Volk nie ein Zweifel daran, dass seine Kikuyu das Steuer fest in der Hand hielten.

Gegen diese Dominanz der Kikuyu, die sowohl die numerisch stärkste als auch die reichste Volksgruppe stellen, waren zuletzt unter vielen anderen Stämmen immer stärkere Vorbehalte entstanden. Die Wut, die sich nun entlädt, zeigt deutlich, dass die primär ökonomisch begründeten Stammesgegensätze nicht nur alle früheren antiweißen Ressentiments überlagern, sondern auch das bisher allenfalls in Ansätzen erkennbare Klassenbewusstsein.

Ebenso schwer wie die Verantwortungslosigkeit seiner Eliten wiegt in Afrika aber auch, dass die vier Triebfedern der westlichen Modernisierung in Afrika kaum oder gar nicht existieren. Dazu zählen das Privateigentum, die Schule, die Bedeutung der Kernfamilie sowie eine politisch unabhängige Mittelklasse. Schon deshalb ist es zwecklos, dem Kontinent ein (westliches) Demokratiekonzept überzustülpen, das im afrikanischen Milieu keinen Nährboden hat. Stattdessen wird immer deutlicher, dass weder Kultur noch Demokratie einfach exportierbar sind. Auch lassen sich tiefe strukturelle Veränderungen in einer Gesellschaft nicht mit Geld von außen erkaufen. Sie müssen letzten Endes eigenständig erkämpft werden und aus dem jeweiligen Kontinent selber kommen. So erschwert zum Beispiel der afrikanische Zwang zum Teilen mit der Großfamilie und das weitgespannte Netz der Solidarität den Kapitalaufbau und wirkt leistungshemmend.

Was ist zu tun, um die Kluft zwischen Nord und Süd zu verringern? Ein guter Anfang wäre, der doppelten Heuchelei endlich ein Ende zu bereiten: auf der einen Seite die (durch die Kolonialschuld bedingte) Unfähigkeit des Westens, den Afrikanern endlich zu sagen, dass sie ihre kollektive Selbstzerstörung stoppen müssen. Auf der anderen die Afrikaner, die sich ihrer hausgemachten Probleme eigentlich bewusst sind, aber jedwede Kritik entrüstet zurückweisen, um bloß nicht die regelmäßigen Alimente zu verlieren, die sich aus dem Schuldgefühl des Westens speisen.

Neben den vielen Hilfsaktionen, die vor allem das eigene Gewissen beruhigen, sollte sich der wohlhabende Norden zuvorderst Gedanken über ein neues, ehrlicheres Verhältnis zum abgekoppelten Nachbarkontinent im Süden machen. Das gilt vor allem für eine neue Form der Hilfe und Zusammenarbeit. Es reicht eben nicht, viel Geld für eine bessere Regierungsführung (Good Governance) nach Afrika zu überweisen oder Wahlen zu beobachten, um dann am Ende alle undemokratischen Auswüchse und selbst den schlimmsten Wahlbetrug zu tolerieren. Zu diesem Zweck sind vor allem strikte Auflagen und Kontrollen für alle Hilfsprojekte und Zuwendungen vonnöten. Latente Schuldgefühle haben zu lange dazu geführt, dass Europa selbst gegenüber offen repressiven Regimes in Afrika kaum Druck ausübt – und damit nur allzu häufig den unerträglichen Status quo zementiert.

Hoffnung auf schnelle Besserung gibt es jedoch nicht. Dazu ist viel zu viel Zeit verschenkt worden. Heute sind zudem über 50 Prozent aller Afrikaner jünger als 14 Jahre und völlig unzureichend für die Zukunft gerüstet. Wir werden uns somit noch lange damit abfinden, dass in Afrika auf einen kleinen Aufschwung wie jetzt durch den Rohstoffboom lange Phasen der Stagnation folgen. Dieses Muster wird erst dann aufbrechen, wenn sich die Afrikaner nicht länger hinter der kolonialen Vergangenheit verschanzen, sondern endlich, wie die anderen Kontinente auch, den Sprung in die Moderne wagen und mehr Verantwortung übernehmen. Am besten lässt sich die Aussicht darauf vielleicht mit einer zweiten Ehe vergleichen: Die Erfahrung spricht dagegen, dafür spricht allein die Hoffnung.

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