VOM NETZ GENOMMEN : VOM NETZ GENOMMEN

Was diese Woche auf Tagesspiegel.de diskutiert wurde.

Atila Altun

Es sind neue Nutzungspläne der Grundstückseigentümer, zahlreiche Anwohnerbeschwerden oder einfach nur der Fiskus, die so manchen Berliner Club vor die Existenzfrage stellen. Nachdem im vergangenen Jahr unter anderem der „Knaack-Club“, nach 59 Jahren, wegen Lärmbelästigung schließen musste, geht in diesem Jahr das Zittern außerhalb der Tanzfläche weiter. Und wie zu erwarten war, wird der „süddeutsche Gentrifizierer“ als feindlicher Übernehmer identifiziert. User „WLE“ meint: „Seit die ‚Münchner Schickeria’ und das provinzielle Bonner Beamtentum sich in Berlin breitgemacht haben, ist es aus mit der Idylle. Und immer mehr verdrängen Investmentfirmen das, was Berlin einmal so lebens-, bzw. liebenswert gemacht hat. Es ist schade, aber der Zugereiste, geldorientierte ,Provinzmob’ hat den ‚Berliner Charme’ vernichtet.“

„Aryane“ legt noch einen drauf und deutet die Integrationsdebatte neu: „Es gibt so viele schöne bürgerliche Viertel, in die Menschen ziehen können, die ihre Ruhe haben wollen. Wieso dann unbedingt nach Prenzlauer Berg? Wilmersdorf, Friedenau, Pankow… alles tolle Wohngegenden, die viel zu bieten haben. Dass jeder Bezirk immer im Wandel ist, muss ich schweren Herzens einsehen, aber warum gettoisieren sich Zugezogene? Da sprechen wir immer von einer Integrationsproblematik bei Türken und Arabern, aber die Schwierigkeiten der Schwaben, sich in Berlin zu integrieren, bleiben unbeachtet.“

Beschwerdewütige Anwohner sind wohl häufig Zugezogene mit einer falschen Erwartung, die in angesagten Kiezen leben, aber nach 22 Uhr ihre Ruhe haben möchten. Eine Entwicklung, für die „Bikeraper“ nur noch Ironie übrig hat: „Nachdem die Schwaben nun den Prenzelberg von unerwünschten Clubs gereinigt haben, wird jetzt die Kehrwoche eingeführt. Wer nicht mitmacht, wird auf dem Kollwitzplatz an den Pranger gestellt und mit Maultaschen beworfen. Als nächstes kommt dann Friedrichshain ran und danach Neukölln Nord. Dann können wir in der ,Süddeutschen’ (Pflichtlektüre – alle Berliner Zeitungen wurden verboten) lesen, dass Berlin total uninteressant und langweilig ist.“ Vielleicht die Chance für einen Neuanfang?

Mit dem bevorstehenden Aus des „Schokoladen“ in der Ackerstraße und der „Kampfansage“ des okkupationserfahrenen Betreibers ziehen viele Leser Parallelen zu den gewalttätigen Vorfällen um das linksalternative Wohnprojekt „Liebig 14“.

Hier wird wohl eine Suppe heißer gekocht als notwendig, meint „Heiko61“, denn: „Bei kriminellen Parasiten fallen mir Hedgefonds ein oder Bangster. Aber der Schokoladen?“ Auch „Literaturbeilage“ sieht hierin einen großen Verlust: „Schade, der Schokoladen hat mehr geboten als alle Shisha-Bars und Touri-Saufkneipen, die den Bezirk inzwischen dominieren, zusammen.“

Ein Facebook-User schrieb kürzlich: „Erst wenn die letzte Eigentumswohnung gebaut, der letzte Klub abgerissen, der letzte Freiraum zerstört ist, werdet ihr feststellen, dass der Prenzlauer Berg die Kleinstadt geworden ist, aus der ihr mal geflohen seid!“ Ob dieser Trend noch aufzuhalten ist? Atila Altun

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