Meinung : Vom Nutzen der Moral

Nicht nur historische Pflicht: Das enge Verhältnis zu Israel liegt im deutschen Interesse

Clemens Wergin

Es ist viel von Moral die Rede, wenn es um das deutsch-israelische Verhältnis geht. Von der Verantwortung für den Staat, der aus den Resten des europäischen Judentums hervorgegangen ist. Von Verpflichtung und nicht vergehender Schuld. Da ist es nur konsequent, dass auch die Bitte der Israelis um Fuchs-Transportpanzer nach solchen Kriterien diskutiert wird. Ein moralisches Dilemma: Was wiegt schwerer, die Pflicht Deutschlands, dem jüdischen Staat in einer schweren Bewährungsprobe beizustehen? Oder die Angst davor, Mittel zu liefern für eine Besatzungs-Politik, die von einer Mehrheit der Deutschen als überzogen, zum Teil gar als unmoralisch empfunden wird?

Der moralische Diskurs verdeckt, dass es im Verhältnis zu Israel immer auch um Interessen ging. Adenauer schloss 1952 das Wiedergutmachungsabkommen, weil er wusste, dass die Integration Deutschlands in den Westen und die Wiedereingliederung in die Völkergemeinschaft nur über Israel laufen konnte. Als Israel ab 1957 bereit war, diplomatische Beziehungen aufzunehmen, wich die Bundesrepublik jedoch aus. Man wollte es sich nicht mit den Arabern verderben und befürchtete, die könnten im Gegenzug die DDR anerkennen. Da gingen die in der Hallstein-Doktrin formulierten Interessen vor. So nahm erst Kanzler Ludwig Erhard 1965 diplomatische Beziehungen zu Israel auf. Gilt die palmerstonsche Formel, leicht abgewandelt, also auch für das deutsch-israelische Verhältnis: Staaten kennen keine Moral, sie kennen nur Interessen?

Wollte man nur vom Nutzen her argumentieren, könnte man sagen: Die Moral spielt im Verhältnis zu Israel eine so große Rolle, weil besonders die westlichen Staaten das von Deutschland erwarten. Anders würden wir unseren Ruf in einer Welt riskieren, die Deutschland immer noch vom Holocaust her definiert. Dann wäre es nur eine Frage der Zeit, dass sich dieses historische Sonderverhältnis normalisiert – und sich die ökonomischen (Öl-)Interessen durchsetzen, die Deutschland enger an die arabischen Staaten binden würden. Hatte Johannes Rau also unrecht, als er im Februar 2000 vor der Knesset sagte, das Verhältnis werde „für immer ein besonderes sein“?

Die bloß ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung verkennt zweierlei. Die Vorstellung von der besonderen Bindung an Israel ist inzwischen tief in der deutschen Gesellschaft und Politik verankert – trotz aller Kritik. Und Deutschland ist mit dieser Sonderrolle bisher nicht schlecht gefahren. Denn selbst die arabischen Staaten haben inzwischen akzeptiert, dass Deutschland Israels Interessen berücksichtigen muss. Und dass wir seit Joschka Fischer eine aktivere Rolle im Nahostkonflikt spielen als etwa die Franzosen, hat vor allem einen Grund: Weil die Israelis uns vertrauen.

Nicht wegzudiskutieren ist jedoch die Entfremdung, die in Deutschland spürbar ist und die auch die rot-grünen Spitzen im Wahlkampf registriert haben. Daher, so darf man vermuten, auch die Ablehung der Grünen gegen die Fuchs-Lieferung. Das hätte die Basis überfordert angesichts der täglichen Bilder von israelischen Militärschlägen und leidenden palästinensischen Zivilisten.

Hier kollidieren zwei Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg. Während die Israelis gelernt haben: Wir dürfen nie wieder schwach sein, sind die Deutschen in ihrer Mehrheit zu „kulturellen Pazifisten“ geworden, die Gewalt als Mittel der Konfliktlösung ablehnen. Das ist angesichts der glücklichen europäischen Nachkriegsgeschichte verständlich – verkennt aber die harten Realitäten in Nahost.

Gerade die letzten Jahre der mit terroristischen Mitteln geführten Intifada haben gezeigt, dass die Palästinenser und viele Araber mental noch nicht so weit sind, einen Kompromiss zu schließen. In einer seltsamen Umkehrung von Ursache und Wirkung machen aber viele Europäer Israel für die Lage verantwortlich. Gerade weil wir uns den Israelis kulturell viel näher fühlen als den Arabern, verlangen wir von ihnen größere Nachgiebigkeit, als wir sie von arabischer Seite einfordern. Da schwingt auch Eigennutz mit, schließlich wollen wir uns unsere wirtschaftlichen Perspektiven nicht von diesem Konflikt verdüstern lassen.

Was die Israelis heute von uns verlangen können, ist vor allem Verständnis dafür, dass sie im Moment einen Kampf führen, der ihnen weitgehend aufgezwungen wurde. Jenseits aller historisch-moralischen Fragen darf aber auch das nicht übersehen werden: Deutschland hat ein ureigenes Interesse daran, dass die einzige Demokratie im Nahen Osten das Kräftemessen mit den zumeist islamistischen Terroristen gewinnt. Schließlich sind wir die nächsten auf deren Liste.

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