Meinung : Vom Verhältnis zwischen Stadtrand und Stadtmitte

„Unter den Wolken“ vom 8. März

Andeutungsweise bekommt man bei diesem interessanten Quervergleich einen Eindruck davon, wie wenig unsere Stadtentwicklung abgestimmt ist auf ein sinnvolles Verhältnis zwischen Stadtrand und Stadtmitte. – Wir erhalten faktische Außenentwicklung vor Innenentwicklung aus der Sicht von gebauter Stadt, von Dichte und dem Produzieren von langen Wegen. Und in unserer Großstadt sind das sehr lange Wege! Dies hat das genaue Gegenteil einer nachhaltigen Stadtentwicklung zur Folge.

Den Berlinern mittenmang das Flugfeld Tempelhof als eine schöne Wiese, so groß wie der Tiergarten, zu offerieren, ist schon ein tolles Ding! Währenddessen eskaliert ein Streit um innenstadtnahe Lagen, ein ungleicher Kampf in der Gesellschaft, um die dort noch verfügbaren Altbauten in den Kiezen mit urbaner Mischung, die allseitig beklagte Gentrifizierung. Großflächige Entwicklung findet an den Rändern statt. Doch Innen wie Außen wird keine zusätzliche gemischte Stadt gebaut, ein knapper werdendes Gut bei Wohnungsmangel und zunehmendem Reiz des Städtischen, auch nicht an der Heidestraße. Der Gentrifizierungsprozess drängt die Schwächeren an die Ränder in die reinen Wohnsiedlungen. So werden nicht nur die Nutzungen getrennt, sondern auch die Gesellschaft. Ein Prozess, dessen Ergebnis man in der Banlieue der Französischen Hauptstadt studieren kann. Aus dieser Perspektive wäre es sogar besser, Gewerbegebiete von der Peripherie auf dem ehemaligen Flughafengelände zu einer erklecklichen Dichte zusammenzuschieben. Damit würden sich die Wege zur Arbeit verkürzen, auch über ein vernünftiges Straßennetz auf dieser Fläche, um die umliegenden Stadtteile sinnvoll miteinander zu verknüpfen und die kleiner werdende Distanz lohnte auch wieder den Weg zu einer richtigen Kuhwiese vor der Stadt.

Apropos Stadtrand, das wäre, aufgrund seiner Lage, ein wichtiges gesamtstädtisches Thema für die Fläche des Flughafen Tegel. Hierzu gab es sogar ein Gutachterverfahren, in dem gleich mehrere Vorschläge in diese Richtung wiesen. Jedoch alle, sich mitunter sehr widersprechenden Konzepte, wurden in einer öffentlichen Vorstellung vor den Augen des Publikums von Zauberhand zusammengerührt zu einem Gesamtplan, der plötzlich aussah, wie der zuvor verfasste Flächennutzungsplan der Behörde: Ein Gewerbegebiet mitten auf dem Feld mit mindestens 100 m Abstandsgrün zu den Nachbarn. Die Semantik einiger Beiträge wurde gerne übernommen: Der Zukunftspark um die Zukunftsindustrie, mit den „urban technologies“ verbunden über E-mobility. Und am Rande von Tempelhof soll’s, wie kann es anders sein, eine Wissensstadt werden. – Als führte die Namensgebung „Zukunftsstraße“, dazu, dass in ihren Häusern mehr Kinder geboren würden und auf dem Schlauberger nur die klügsten Platz finden.

Klaus Schäfer, Professor für Städtebau, Berlin-Tiergarten

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