Meinung : Von der Gruppe 47 zu Sasha

Brandt, Schmidt, Schröder: Die drei SPD-Kanzler und ihr Verhältnis zu den schönen Künsten

Norbert Seitz

Hemingway ist für mich der Größte“, erklärte Bundeskanzler Gerhard Schröder zum 100. Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers 1999. Er sei ein „globaler Volksheld“, der Henry Morgan in „Haben und Nichthaben“ auf dem Totenbett wüten lasse: „Ein Mann allein hat keine verfluchte Chance.“ Für diesen Satz – so Schröder – hätten die Linken Hemingway fast verziehen, dass er Ende der 20er Jahre während der Großen Depression Elefanten jagte, anstatt gesellschaftskritische Artikel zu verfassen.

Als „so inszeniert, so hohl, so irrelevant“ erscheint manchem Feuilletonschreiber das bemühte Verhältnis des Bundeskanzlers zu Künstlern und Intellektuellen. Doch Schröder ist durchaus in seinem Element, wenn er in der Skylobby des Kanzleramtes Lesungen und Dialoge veranstalten und Theaterstückchen aufführen lässt.

In den Feuilletons schien man bislang weniger von den künstlerischen Darbietungen als von einer bemerkenswerten Szene am Rande beeindruckt zu sein: Bei den Lesungen im Kanzleramt trug der Kanzler Günter Grass das Weinglas hinterher und schenkte Peter Schneider Wasser nach. Hinterher wurde gehörig im symbolischen Nebel herumgestochert, die Schriftsteller würden scheinbar hofiert, des Kanzlers jovialer Umgang mit Künstlern als „berückend professionell“ empfunden. Gleichwohl sei es nur die Party, die ihm offensichtlich gut gefalle.

Als bekennender „Afficinado der modernen Kunst“ lässt Schröder kaum eine Ausstellungseröffnung aus, um stolz auf seinen Status als ästhetischer Autodidakt hinzuweisen. Vor allem pflegt er Freundschaften zu zeitgenössischen Malern – von Markus Lüpertz über Bruno Bruni bis Jörg Immendorff, der bis zu seiner Kokain-Affäre noch als Geheimfavorit für das spätere Schröder-Gemälde in der Ahnengalerie des Kanzleramtes gehandelt wurde. Der „Vernissagenkanzler“ versucht sich zwischen rekonstruierten Schlossfassaden und propagiertem Literaturkanon zu behaupten, ob er zur glücklichen Bewahrung von Caspar David Friedrichs „Watzmann“ in der Alten Nationalgalerie spricht, einer Kinorunde im Kanzleramt mit dem Filmemacher Romuald Karmakar beiwohnt oder mit dem schwedischen Krimiautor Henning Mankell diskutiert.

Doch um als Kunstgenießer und –versteher von den zweifelnden Kulturmenschen seiner Partei überhaupt anerkannt zu werden, hat er ähnlich hart arbeiten müssen wie um seine Kanzlerkandidatur. Denn bei den Vertretern der klassischen SPD-Kultur um den Plakatkünstler Klaus Staeck gilt noch immer der „Willy,Willy“Maßstab aus den legendären 70er Jahren, da Geist und Macht sich angeblich so nah wie nie waren, wild politisierende Schriftsteller im Vorhof der Macht herumscharwenzelten, um – wie Günter Grass – den Phasenvollzug des demokratischen Sozialismus anzumahnen. Noch heute fordert Johano Strasser mit alarmistischen 5-vor-12-Parolen („Kopf oder Zahl“) eine Rückkehr zu jenem klassischen Linksintellektualismus des Mahnens und Einmischens, den der Soziologe Helmut Schelsky einst als angemaßte „Priesterherrschaft“ geißelte.

Andere, die ebenfalls noch immer am Brandt-Idol kleben, spotten über den zurückgelegten Weg der deutschen Sozialdemokratie „von der Gruppe 47 zu Sasha“. Unter dem „Intellektuellenversteher“ Schröder seien Geist und Macht „still und ohne Groll wieder auf Distanz gegangen“. Doch der Befund täuscht, weil der Mythos zum Maßstab geworden ist und der klassischen SPD-Intelligenz jedes Quäntchen an Selbstreflexivität abgeht.

Der falsche Maßstab entstand unter Willy Brandts Kanzlerschaft Ende der 60er Jahre, als linke Künstler nach einer neuen Moral und Autorität im Staat verlangten, um das nachzuholen, was sie nach der Währungsreform 1948 als Erneuerungschance davonschwinden sahen. Geist und Macht sollten sich endlich einander ergänzen, freilich weniger unter dem Einfluss einer künstlerisch begabten Politik als durch die Beteiligung politisch engagierter Künstler an der Macht. War es attackierten Künstlern in der muffigen Adenauer-Ära noch primär um ihr Recht und die persönliche Ehre gegangen, so hatten jene, die sich nunmehr an der Macht rieben, die eigene Mitgestaltung der öffentlichen Dinge im Sinn.

Zum ersten Mal versuchten Künstler und Intellektuelle, sich einen Kanzler zu modellieren. Dabei saß der nicht gerade sehr kunstsinnige Willy Brandt Porträt. Der Auserwählte, ein Freund des Mandolinenspiels und der Marschmusik, war kein ausgesprochen künstlerisch interessierter Mensch. Einem bösen Unkeler Gerücht zufolge soll er sogar eine Leidenschaft für Heino und die Volksmusik entwickelt haben. Aber nach den vielen Zensurtönen von bornierten Politikern in den Nachkriegsjahren reichten mittlerweile schon ein mehrfach wiederholtes Toleranzversprechen und ein Hauch von Demut oder wenigstens respektvoller Reserve gegenüber Kunstwerken, um bei Vertretern der schönen Musen als leuchtendes politisches Beispiel zu gelten.

Abgestoßen von den schäbigen Rufmord-Kampagnen gegen Brandt habe er sein Tintenfass zugeschraubt, sein Stehpult verlassen und Partei ergriffen. So wird der aufgewühlte Poet Günter Grass noch nach Jahren sein politisches Engagement stilisieren. Auf dem Höhepunkt von Brandts Ansehen kannte die ästhetische Stilisierung des „Kanzlers der Intellektuellen und Künstler“ keine Grenzen mehr. Plötzlich wurde er auch als besonderer Liebhaber von klassischer Musik abgefeiert, „der Beethoven, Grieg und Mozart schätzt und am liebsten das Klavierkonzert Köchelverzeichnis 467 hört“. Nach seinem Tode 1992 wollte sogar eine Schallplattenfirma eine CD mit seinen Lieblingssinfonien von Beethoven herausbringen. Das Projekt musste aber in Ermangelung solcher Vorlieben abgeblasen werden. Auch Egon Bahr rettete den Freund nicht mehr, als er gleichsam versuchte, den Kunstmuffel in eine Leseratte zu verwandeln: „Während die Neigung zu den schönen Künsten so ziemlich bei der Folklore aller Art endete, hielt er sich am Geschriebenen schadlos. Ich könnte niemanden nennen, der ihn an Leselust übertroffen hätte.“

Was von Brandts Verhältnis zu den Künsten bleibt, ist dennoch aus deutscher Sicht höchst beachtlich für einen Kanzler: „Mein Mann verhielt sich immer loyal zu der Kunst und den Künstlern, er hätte aus seinem Grundverständnis heraus niemals eine künstlerische Wertung ausgesprochen“, resümierte Brigitte Seebacher. Das war eine klare Zäsur gegenüber jener Nachkriegszeit, da der Dramatiker Rolf Hochhuth noch spotten konnte, der Schriftsteller sei den Bonnern gerade gut genug, „vor der Welt zu dokumentieren, dass hier jeder reden und schreiben kann, was er will“.

Alsbald musste Walter Jens in einer seiner Republikanischen Reden resigniert feststellen: „Machen wir einander nichts vor. Wir sind keine politische Avantgarde.“ Die pathetische Forderung nach einer umfassenden Politisierung des Lebens habe jeden Reiz verloren. Doch die Verteter der Staeck-Kultur schienen nicht nur die Kritik von Jens, sondern auch den größeren Kunstsinn des Brandt-Nachfolgers zu ignorieren.

Es muss Helmut Schmidt verletzt haben, von „Möchtegern-Intellektuellen oder Halbintellektuellen“, wie er sie polemisch zu bezeichnen pflegte, als bloßer Macher abqualifiziert worden zu sein, als visionsloser Nur-Pragmatiker, dessen musisch-kreative Neigungen in solchen Zerrbildern unterschlagen wurden. „Ich weiß, ihr glaubt von mir, dass ist nur ein Macher. Da steckt man oben was rein, und unten kommt das Gewünschte raus. Ein bisschen mehr ist da schon vorhanden.“ Mit seiner oft stupend schulmeisterlichen Arroganz im ästhetischen Urteil war Schmidt jedoch nie ganz unschuldig an der fehlenden Anerkennung unter Geistesarbeitern. Wenn er das handwerkliche Können von Malern oder Grafikern pries, fühlte man sich leicht an die spießige Tonlage von Lobreden auf die lebenspraktische Tüchtigkeit von sozialdemokratischen Kanalarbeitern erinnert. Noch jede Eloge auf die von ihm so verehrte expressionistische Malerei barg einen Seitenhieb auf die Gegenwartskunst in sich. Nicht anders verhielt es sich gegenüber dem Theater, wo seine große Bewunderung für Ida Ehres Hamburger Kammerspiele in der Trümmerphase stets auch als indirekte Kritik oder Seitenhieb gegen das zeitgenössische Schauspiel gelesen werden musste, das angeblich das Publikum vertrieb.

Dieter Lattmann, damals VS-Vorsitzender und bayerischer Bundestagsabgeordneter, schilderte, wie er einmal im Vierteljahr im Plenum auf Schmidt zuging und zu ihm sagte: „,Ich danke dir, Herr Bundeskanzler, dass du dich um die Künstler kümmerst.’ Und dann fragte er jedes Mal: ,Wo brennt’s denn?’ Diese Genauigkeit, auf der Grundlage einer Notiz nach einem Gespräch auch das zu machen, was angeregt wurde, habe ich in dem Maße – mit preußischer Disziplin und Kantischem Imperativ – nur bei Helmut Schmidt erlebt und nicht bei Willy Brandt. Insofern glaube ich, dass noch manche Realisierung wesentlich durch Schmidt und vielleicht sogar nur mit Schmidt gelungen ist. Allerdings das öffentliche Bild, wonach Politik und Schriftsteller zusammengehören, das hat Willy Brandt ins öffentliche Bewusstsein gepflanzt.“

Die kunstpolitische Bilanz des fünften Kanzlers der Bundesrepublik übertraf die seiner Vorgänger bei weitem. Deshalb war Helmut Schmidt über das ewige Klischee vom pragmatisch beschränkten Macher mit seinem positivistisch reduzierten Politikverständnis ein wenig verbittert, denn es reduzierte seine politischen Talente, wie es seine musischen Neigungen ignorierte. Zudem entsprach es dem eklatanten Fehlschluss von politisierenden Schriftstellern, wonach ein kunstsachverständiger Politiker wohl eher zum Visionär tauge, während ein Technokrat oder Pragmatiker in der Regel kunstabstinent oder gar ein Banause sein müsse. Der Vergleich zwischen Brandt und Schmidt scheint eher das Gegenteil zu beweisen.

Gerhard Schröder, der siebte Regierungschef seit 1949, lernte offensichtlich von seinen sozialdemokratischen Vorgängern im Kanzleramt. Wie Brandt wirbt er um Künstler, und wie Schmidt verschließt er sich deren partizipatorischen Wünschen. Dazu bedarf es freilich keiner großen Anstrengungen mehr, nachdem die Zeiten des politischen Herummoralisierens ohnehin vorüber sind oder, freundlicher ausgedrückt: die Politik ihre Anziehungskraft auf veränderungswillige Geister weitgehend eingebüßt hat.

Die Regentschaft seines langjährigen Amtsvorgängers Helmut Kohl stand ganz im Zeichen eines zerrütteten Verhältnisses: Die Künstler zogen sich zurück, der Kanzler brauchte die Kunst ohnehin nur fürs Geschichtsbuch, nicht aber die Künstler für seine Popularität. Die Entfremdung zwischen politischem und kulturellem Leben war spürbar, ehe unter Gerhard Schröder nunmehr eine Art leidenschaftslose platonische Aussöhnung aufkeimt. Ein kunstbeflissener Kanzler lädt ein, die Künstler nehmen dankend an und engagieren sich nur noch sporadisch.

Den Eindruck, dass Grass und Staeck – wie gerade im Kieler Wahlkampf zu erleben – noch immer dominieren, bestreitet Heinz Bude. Der Soziologe erkennt hinter der unvermeidlichen Präsenz des Großschriftstellers eher ein „generationelles Abwicklungs- als ein politisches Definitionsprojekt“.

Bliebe die Frage, ob unter Schröder ein „neues kulturelles Klima“ entstanden ist, wie in schwelgerischen Aufrufen gern behauptet wird, oder ob das Tete-a-Tete zwischen Geist und Macht nur noch als öffentliches Spektakel stattfindet, wie Kritiker vermuten. Die Vertreter der Staeck-Kultur hatten sich jedenfalls etwas anderes von Rot-Grün versprochen: „eine neue Art von Sinnstiftung“. Schon Helmut Schmidt pflegte solche Wünsche an die nordelbisch-lutherische Landeskirche weiterzureichen.

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