Von der NSA bis Putin : Unser Zorn auf die Moderne

Die NSA-Debatte kann als Aufstand gegen die Moderne verstanden werden. Auch der Islamismus oder der Putinismus machen deutlich, dass Menschen sich vor Neuem fürchten. Besser wäre es, die Welt nicht nur verurteilen, sondern auch verstehen zu wollen.

von
Eine Anti-NSA-Demo in Berlin.
Eine Anti-NSA-Demo in Berlin.Foto: dpa-pa

Charlie, der Tramp, steht am Fließband und muss an zwei Schrauben gleichzeitig drehen. Immer schneller läuft das Band, Charlie verpasst eine Schraube, fällt auf das Fließband und gerät in das Maschinengetriebe der gesamten Anlage. Dort wird er durch Zahnräder gedreht, dreht selbst weiter an Schrauben herum – und schließlich durch. Am Ende landet er im Irrenhaus. Charlie Chaplins Film „Moderne Zeiten“ von 1936 ist eine Anklage gegen die monotone, seelenlose, entfremdete Arbeit an Maschinen.

Lange Zeit galt der Stummspielfilm als „kommunistisch“. Das FBI verfolgte den Regisseur wegen angeblich subversiver, anti-amerikanischer Tätigkeiten, in Deutschland durfte „Moderne Zeiten“ erst 20 Jahre nach der Uraufführung gezeigt werden. Es ist ein genialer Film. Doch die technologische Revolution hat er ebenso wenig verhindert, wie es ein Jahrhundert zuvor die Maschinenstürmer geschafft hatten, als sie Dreschmaschinen und mechanische Webstühle zerstörten.

Ohne Automatisierung keine industrielle Revolution. Und ohne Schatten kein Licht: Vor 100 Jahren war ein Drittel der amerikanischen Arbeiter in der Landwirtschaft beschäftigt, heute sind es zwei Prozent, die wiederum dank der Maschinen mehr Nahrungsmittel produzieren können, als es damals möglich war. Auf die industrielle folgt nun die digitale Revolution. Und die alte Regel – es muss noch weniger Menschenschweiß vergossen werden, um noch höhere Erträge zu erzielen – gilt erneut: Als Facebook vor zwei Jahren für eine Milliarde Dollar Instagram kaufte, hatte die Foto- und Video-Sharing-App 30 Millionen Kunden und beschäftigte 13 Mitarbeiter. Bei der Firma Kodak, die kurz zuvor pleite gegangen war, standen zwischenzeitlich 145000 Menschen in Lohn und Brot.

Wieder ändert sich vieles schnell und drastisch: die Musikbranche, das Verlags- und Gesundheitswesen, Reisebüros, Versandhandel, die Kriminalitäts- und Armutsbekämpfung, Banken, Waffentechnologie (fast jedes Land auf der Welt wird in zehn Jahren über bewaffnete Drohnen und Cyberwar-Zentren verfügen). Und wieder reagieren viele Menschen hochnervös. „Big Data“ hat bereits über eBay, Amazon, Walmart und Facebook das Verhältnis von Unternehmen zu ihren Kunden revolutioniert. Es kommt in Wahlkämpfen zum Einsatz und bei der Seuchenbekämpfung. Dass auch Geheimdienste wie die NSA durch Abschöpfen der weltumspannenden Kommunikation jährlich Billiarden von Datensätzen sammeln können, beschreibt ja nur einen kleinen, wenngleich leicht zu skandalisierenden Ausschnitt dieser Revolution.

Dabei dürften von ihr durch Google-Glass-Träger demnächst wahrscheinlich weitaus mehr Menschen betroffen sein. Und während der russische Geheimdienst abgehörte Telefonate bereits offensiv veröffentlicht („Fuck the EU!“), beweisen die chinesischen Kollegen fast täglich, dass auch sie nicht von gestern sind. So konnte der Dienst nach einem Hackerangriff 2011 ein Jahr lang die privaten Emails aller australischen Abgeordneten mitlesen. Er hatte Kontrolle über das gesamte System. Viele Menschen sind instinktiv konservativ, sie werden durch Veränderungen verunsichert.

Bei Big Data wird vornehmlich wütend protestiert

Das fängt im Kleinen an – wer erinnert sich nicht an Aufgeregtheiten über fünfstellige Postleitzahlen, das Privatfernsehen, die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten oder das Rauchverbot? – und verursacht im Großen entsprechend stärkere Gegenreaktionen. Durch die Konfrontation mit Demokratie, Emanzipation und Freizügigkeit entstand in der muslimischen Welt der Islamismus. Bei der Tea Party in Amerika finden sich strukturell ähnliche Motive. Und der aktuell so brisante Putinismus erklärt sich zum Teil als Verteidigungswunsch des christlichen Abendlandes gegen eine angeblich verweichlichte, westliche Unmoral.

Auch der Big-Data-Furor, wie er in der NSA-Debatte oft unterschwellig zum Ausdruck kommt, speist sich vor allem aus Zorn über den Fortschritt, die digitale Revolution an sich. Propagiert wird er von Intellektuellen, die die Welt nicht in erster Linie verstehen, sondern verurteilen wollen. Statt neugierig zu fragen, wie Big Data die Beziehung von Daten-Habenden zu Daten-Liefernden verändert, wie Privatsphäre und Datenschutz im digitalen Zeitalter neu definiert werden müssen und was nationalstaatliche Souveränität noch bedeutet, wird vornehmlich gewutschnaubt. Vom Politikwissenschaftler Thomas Meyer stammt der Begriff vom „Aufstand gegen die Moderne“. Der formiert sich, wenn der Verlust von Dogmen (Privatsphäre) und Gewissheiten (Datenschutz) nicht mehr ertragen wird. Charlie, der Tramp, wird zum Glück nach einiger Zeit als geheilt aus dem Irrenhaus entlassen.

Autor

53 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben