Meinung : Von dieser Welt

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Das „Werkzeug des Satans“ hat geurteilt – und im Sinne der Religionsfreiheit entschieden. Ab sofort können die Zeugen Jehovas, die sich selbst nicht als „Teil dieser Welt“ begreifen, Kirchensteuern einziehen, Stiftungen gründen und theoretisch sogar Rundfunkräte in die öffentlichrechtlichen Medien entsenden. Das kann doch nicht wahr sein, sagen jetzt viele – dürfen die „Wachturm“-Verkäufer an der Straßenecke nun über die Inhalte der Tagesschau entscheiden? Ausgerechnet diese Glaubenstruppe, die den Staat als Satanswerkzeug abtut und den Mitgliedern verbietet, an Wahlen teilzunehmen, soll öffentliche Körperschaft werden? Das Oberverwaltungsgericht hatte nicht über Glaubensinhalte zu urteilen, sondern darüber, ob eine Religionsgemeinschaft „durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer“ bietet. So steht es im Grundgesetz. Nun kann man darüber streiten, ob der von den „Zeugen“ seit über 100 Jahren proklamierte, baldige Weltuntergang eintrifft oder nicht. Dass die 200 000 Mitglieder in Deutschland aber ihren Glauben auf Dauer ausüben, ist unstrittig. Zudem hegten die Richter die Erwartung, dass die Zeugen Jehovas gegenüber dem Staat rechtstreu sind. Denn auch wenn man den Staat als nicht gottgegeben ablehnt – was viele staatlich anerkannte Freikirchen ebenfalls tun –, so heißt das noch lange nicht, dass man sich nicht an seine Gesetze hält. Die bleiben immer noch Maßstab unserer Rechtsordnung – auch für die Damen und Herren jenseits dieser Welt. SB

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