Meinung : Von Fall zu Fall

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Verletzt ist Franz Müntefering, so tief, dass er die Genossen mit seinem Großmut wohl beschämen will. Von Ferne erinnert das an Rudolf Scharping, der nach seinem Sturz vor zehn Jahren sagte: „Manches hat bitter wehgetan. Aber wir müssen jetzt die Kraft finden, die Schmerzen der Vergangenheit hinter uns zu lassen, denn wir haben eine Aufgabe, die wichtiger ist als wir selbst.“ Richtig. Darum stimmt auch, dass sich die SPD Ungeheuerlichkeiten wie in den zurückliegenden Tagen nicht mehr leisten kann. Sonst laufen ihr noch mehr Mitglieder und Anhänger weg.

Nicht erst der Kongress in Niedersachsen zeigt, dass in der Partei der Druck enorm hoch ist, überall: auf den kommenden Vorsitzenden Matthias Platzeck und seinen Vorstand, aber auch auf diejenigen, die in der Regierung sitzen sollen. Müntefering – dessen Abschied plötzlich von schlechtem Gewissen begleitet wird – darf seine Fehler der jüngsten Wochen nicht wiederholen; gut abgestimmt müssen Kabinett und Parteiführung miteinander arbeiten. Und Platzeck darf den Fehler nicht wiederholen, sich zu vorschnellem Handeln verleiten zu lassen. Mancher Vorschlag für Präsidium und Vorstand kam schon zu schnell. Deshalb wird es die SPD wieder eine Menge Überwindung kosten, denen zuzustimmen, die da antreten, von Bärbel Dieckmann über Elke Ferner bis Hubertus Heil. Keiner von ihnen hat nach dem Eklat sich und seine Ambitionen zurückgenommen. Den erkannten Mangel an strategischer Weitsicht auch noch mit Aufstiegsperspektiven zu honorieren, wie es Platzeck tut – dazu gehört schon ein sehr starker Wille zur Macht.

Der aber reicht auf Dauer nicht, wie der Fall Müntefering lehrt. Wohl abgewogen müssen die nächsten Entscheidungen sein, sonst kommt sie doch noch, die Explosion von Wut und Enttäuschung in der SPD.

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