Meinung : Von Ferne grüßen die Sowjets

Clemens Wergin

Die Krise um Irans Atomprogramm nähert sich der entscheidenden Wende. Und weil es um so viel geht, wird mit allen Tricks gearbeitet. So war die von den Iranern am Sonntag verkündete Nachricht, es habe eine grundsätzliche Einigung über die Urananreicherung gegeben, nicht nur vorschnell, sondern offenbar gezielte Stimmungsmache. Die Episode zeigt zudem, was für ein Risiko der Westen eingeht, wenn er die Angelegenheit allein in die Hände Moskaus legt. Denn so besteht die Gefahr, dass Moskau am Ende einem Kompromiss zustimmt, der zwar zunächst gut aussieht, aber den Iranern ermöglicht, die für eine Bombe nötige Nukleartechnik weiter zu perfektionieren.

Seit dem Beginn der Krise ist Russland zwischen zwei Polen hin- und hergerissen. Einerseits hat auch Moskau kein Interesse an einem atomar hochgerüsteten Iran und möchte keinen offenen Konflikt mit dem Westen eingehen. Andererseits ist man daran interessiert, Iran weiter zivile Nukleartechnik und russische Waffen zu verkaufen. Das antiwestliche Lager in Russlands außenpolitischer Elite spielt auch mit dem Gedanken, Iran zum strategischen Partner in der Region zu machen. Die schnelle diplomatische Aufwertung der Hamas sowie der Verkauf moderner Raketentechnik an Syrien passt in dasselbe Muster. Hier scheint die Versuchung Moskaus auf, im Nahen und Mittleren Osten in die alte antagonistische Haltung zurückzufallen und erneut zum Schutzherrn antiwestlicher Regime zu werden. Wohlgemerkt: Noch kann man in der Region nicht generell von einem Rückfall Russlands in sowjetische Muster reden. Aber am Fall Iran wird sich beispielhaft zeigen, ob Moskaus Einfluss in Zukunft zu Problemlösungen beitragen wird oder diese eher verhindert.

Es war eine Illusion zu glauben, die von Wladimir Putin und seinen KGB-Seilschaften eingeläutete Restauration in der Innenpolitik würde ohne Auswirkungen auf Russlands Außenpolitik bleiben. Die alten Großmachtgelüste wurden im Gasstreit mit der Ukraine genauso deutlich, wie sie Moskaus Umgang mit den „eingefrorenen Konflikten“ etwa in der Schwarzmeerregion prägen. Die Atomgespräche mit Iran werden so zum doppelten Lackmustest. Die Bereitschaft der Mullahs zum harten Konflikt mit der Weltgemeinschaft wird sich daran genauso ablesen lassen wie der künftige Kurs der russischen Außenpolitik.

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