Von Günter Grass bis Uli Hoeneß : Warum Betroffene besonders laut schreien

Im Fall Hoeneß läuft die moralische Empörungsguillotine auf Hochtouren. Dabei ist sich Kolumnist Harald Martenstein sicher, dass die, die besonders laut schreien, selbst auch mal ein bisschen was für sich abgezweigt haben. Sigmund Freud hat für dieses Phänomen sogar einen Namen: „Projektion“.

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Als die Drogensucht von Christoph Daum bekannt wurde, ging Uli Hoeneß hart mit dem Fußballtrainer ins Gericht. Nun zieht er selbst in der Kritik.
Als die Drogensucht von Christoph Daum bekannt wurde, ging Uli Hoeneß hart mit dem Fußballtrainer ins Gericht. Nun zieht er selbst...Foto: dpa

Am Freitag wurde in Berlin ein Buch vorgestellt, es enthält den Briefwechsel zwischen Günter Grass und Willy Brandt. 288 Briefe, aus rund 30 Jahren. Grass ist immer sehr streng gewesen, was ehemalige Nazi-Mitläufer angeht, die damals in der Politik zahlreich zu finden waren. Seine Forderung: Die Vergangenheit darf nicht verschwiegen werden! Von niemandem! Erst spät gestand er, dass er selbst bei der SS war und darüber geschwiegen hatte.

Die Parallelen zu Uli Hoeneß sind erstaunlich. Auch Uli Hoeneß war streng, was die Verfehlungen anderer betraf. Den Trainer Daum geißelte er wegen dessen Drogenkonsum. Sucht hat im Fußball nichts verloren! Zu genau dieser Zeit war Hoeneß, wie er heute zugibt, selber ein Süchtiger, süchtig nach dem Kick des Zockens.

Das Wissen um unsere Fehlbarkeit macht uns erstaunlicherweise nicht verständnisvoller, sondern, im Gegenteil, manchmal gnadenloser. Dieses Phänomen hat Sigmund Freud „Projektion“ genannt. Projektion ist ein Abwehrmechanismus. Wir verfolgen unsere eigenen Verfehlungen und unsere eigenen Irrtümer, wenn wir sie bei anderen entdecken, besonders eifrig.

Im Fall Hoeneß läuft die moralische Empörungsguillotine mal wieder auf Hochtouren. Ich möchte wetten, dass viele, die sich besonders laut über den Steuerhinterzieher Hoeneß empören, selbst auch mal ein bisschen was für sich abgezweigt haben. Das vergessen sie jetzt, im Überschwang ihres Hochmuts. Wie man sich verhielte, wenn man die Chance hätte, Millionen illegal in die Tasche zu stecken, weiß man ja letztlich erst, wenn man mal in dieser Situation war. Und ob man 1933 ein Nazi gewesen wäre oder im Widerstand, weiß man, vielleicht zum Glück, auch nicht. Man sollte vorsichtig sein, wenn man öffentlich den Moralapostel herauskehrt.

Uli Hoeneß hat, wie so viele, auch wie Günter Grass, zu Unrecht den Saubermann gespielt. Aber er hat auch Millionen gespendet, er hat auch vielen geholfen. Wer diese Sätze für eine Verteidigung oder Verharmlosung von Hoeneß’ Straftat hält, falls es denn eine war, hat nichts kapiert. Es ist richtig, solche Taten zu bestrafen. Manchmal ist ein Rücktritt unumgänglich. Aber es ist falsch, ein Lebenswerk und eine Person auf ihre Fehler zu reduzieren, und es ist falsch, einen permanent tagenden Volksgerichtshof abzuhalten über jemanden, der als Mensch weder schwarz ist noch weiß, sondern grau, wie fast jeder von uns. Und wenn es vorbei ist, egal ob im Fall Hoeneß, im Fall Christian Wulff oder im Fall Annette Schavan, dann muss es auch wirklich vorbei sein. Im Christentum gibt es den Begriff „Gnade“. In einer gnadenlosen Gesellschaft möchte, das wette ich, niemand leben.

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