Meinung : Von Hoffnung überwältigt

Die SPD feiert ihren neuen Vorsitzenden, Matthias Platzeck – aber was dann?

Hermann Rudolph

Was für ein Anfang! Matthias Platzeck hat seinen Einstand als SPD-Vorsitzender, diesem Amt, das – wie wir von seinem Vorgänger wissen – gleich unterhalb des Papstes angeordnet ist, staunenswert absolviert. Der brandenburgische Ministerpräsident hat eine Rede gehalten, die viele von denen, die sie gehört haben, als die Geburt einer politischen Hoffnung erlebt haben. Dazu gehört das Wahlergebnis, das sich – wie die Parteiweisen herausgebracht haben – nur mit dem von Kurt Schumacher, dem legendären ersten Nachkriegsvorsitzenden, vergleichen lässt.

Das kann fast vergessen lassen, dass Partei und Publikum einer parteipolitischen Sturzgeburt ohne Beispiel beigewohnt haben. Gewiss gehört Platzeck seit längerem, spätestens seit seinem Wahlsieg bei den Landtagswahlen, zur SPD-Führungsreserve. Er hätte in der neuen Regierung gut und gerne Außenminister werden können, wenn er nur gewollt hätte. Mag sogar sein, dass man in der SPD-Führung den Plan hegte, ihn nach Müntefering zum Vorsitzenden zu machen. Nur ist dieser SPD – wie die letzten Wochen zeigen – nichts so fern wie personelle Entwicklungspläne. Dorthin, wo Platzeck sich so faszinierend präsentierte, hat ihn ein, zugegeben, rasch arbeitendes Parteimanagement, vor allem aber die Verlegenheit gebracht, in die Andrea Nahles’ Kandidatur und Münteferings Rücktritt die SPD gestürzt haben.

Dieses Zeugnis einer überwältigenden politischen Punktlandung mitten im Parteigefühl ist eben auch so etwas wie ein – im Wortsinn – Armutszeugnis: Armut an verfügbarem Führungspersonal, parteiinterner Kalkulierbarkeit, politischem, in der Partei versammeltem Selbstbewusstsein. Und auch das sagenhafte Ergebnis kündet ja nicht nur von der Faszinationskraft, die der neue Vorsitzende sozusagen aus dem Stand entwickelt hat. Es erzählt auch von der Erleichterung der Partei, nach den Erschütterungen, die sie heimgesucht haben – nicht erst seit gestern, sondern seit Mai –, einen derart vielversprechenden Vorsitzenden gefunden zu haben.

So faszinierend der Vorgang ist: Ganz geheuer ist er auch nicht. So eindrucksvoll die Elemente von Platzecks Rede waren, die da plötzlich den Umriss einer veränderten SPD aufscheinen ließen: Was wird daraus im Hickhack der internen Auseinandersetzungen werden? Die Zustimmung zu dem neuen Vorsitzenden ändert nichts daran, dass er kein Ergebnis der „Sozialisation“ durch die Partei ist. Gewiss, diese Unbefangenheit ist seine Stärke, und Platzeck weiß das. Aber aller Tage ist kein Parteitag, und im Alltag des Sich-Durchsetzens in der Partei mit seinen Machtproben und Eifersüchteleien kann sich diese Stärke leicht als Schwäche erweisen.

Hat Platzeck eine Chance? Er hat sie nur dann, wenn der Wechsel der politischen Intonation, der Akzentuierung, der Themenstellung, mit denen er bei seinem Auftritt faszinierte, von der SPD aufgenommen würde. Wenn also die Partei ihn nicht nur als neuen Vorsitzenden feierte, sondern die Kraft fände, sich selbst zu erneuern. Aber war das wirklich die Botschaft des Beifalls und des Abstimmungsergebnisses in Karlsruhe?

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