Meinung : Von Hühnern und Menschen

Warum Geflügelviren wie die in Holland so gefährlich sind

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Von Alexander S. Kekulé

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Kaum scheint die SarsEpidemie – außerhalb Chinas – halbwegs unter Kontrolle, da läutet die Weltgesundheitsorganisation schon wieder die Alarmglocken. Diesmal liegt die Krisenregion mitten in Europa: In Holland, unmittelbar an der deutschen Grenze, tobt seit Ende Februar die Geflügelpest. Die niederländischen Behörden ließen fast 20 Millionen Geflügeltiere notschlachten. Trotzdem hat die für Hühner und Puten hoch ansteckende Seuche Belgien erreicht, auch deutsche Höfe im Grenzgebiet mussten dicht machen.

Die Sorge gilt nicht nur den 100 Millionen gefiederten Lieferanten von Frühtsückseiern, die in deutschen Landen leben. Da die Erreger der Geflügelpest mit den humanen Grippeviren eng verwandt sind, können sie in seltenen Fällen die Artenbarriere überspringen und für den Menschen gefährlich werden. Diese seltenen Fälle sind in Holland gleich mehrfach eingetreten: Bis vergangennen Freitag haben sich mindestens 83 Menschen mit dem Geflügel-Virus „Influenza-A H7N7“ infiziert. Ein 57-jähriger Tierarzt starb an Lungenversagen, 13 bekamen leichte Grippe, der Rest nur eine Bindehautentzündung.

Die Fachleute beunruhigt nicht so sehr der eine Todesfall, sondern die hohe Zahl menschlicher Infektionen in Holland: Das berüchtigte Vogelgrippe-Virus „H5N1“, nach dessen Ausbruch in Hongkong 1997 rund 1,3 Millionen Hühner geschlachtet wurden, befiel nur 18 Menschen – von denen allerdings ein Drittel starb. Bisher wurden Vogelgrippe-Viren nur durch Kontakt mit Tieren oder ihren Ausscheidungen, aber nie von Mensch zu Mensch übertragen. Wenn ein Patient allerdings zugleich mit einem Vogelgrippe-Virus und einem menschlichen Influeza-Virus infiziert wird, können beide Erreger ihre Gene austauschen. Das Ergebnis wäre im schlimmsten Fall ein neues Virus, das die hohe Todesrate der Vogelgrippe mit der leichten Übertragbarkeit der menschlichen Influenza vereint. Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt mit jeder Übertragung von Vogelviren auf den Menschen.

Die Vogelgrippen-Viren sind so gefährlich, weil ihre Oberflächenstrukturen – die mit „H“ und „N“ abgekürzt werden – für das menschliche Immunsystem neu sind. Bei der berüchtigten „Spanischen Grippe“ von 1918 hatte sich ein menschliches Influenzavirus „H1“ und „N1“ von einem Vogelvirus besorgt. Heraus kam eine Chimäre, deren neues Gewand wie eine Tarnkappe wirkte: Der folgenden weltweiten Influenza-Pandemie fielen 20 bis 40 Millionen Menschen zum Opfer.

Gegen die Erreger von 1918 und 1968 („Hongkong-Grippe“) sind heute die meisten Menschen mehr oder minder immun, die Virusbestandteile („H1N1 und „H3N2“) sind in den Impfstoffen enthalten. Gegen den in Holland aufgetauchten Typ „H7N7“ wäre das menschliche Immunsystem dagegen machtlos, da seine Bestandteile in humanen Influenza-Viren bisher nicht vorkamen. Das Virus wird jedoch nicht in größerem Maße von Mensch zu Mensch übertragen – die Menschheit hat wieder einmal Glück gehabt. Bei den Viren im Vogelreich warten jedoch noch mindestens 15 Sorten „H“ und neun Sorten „N“ darauf, über die Artengrenze zu springen. Die nächste Grippe-Pandemie kommt – die Frage ist nur, wie gut wir uns darauf vorbereiten.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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