Meinung : Von peloponnesischen und anderen Kriegen

Athen gleicht Washington und Sizilien dem Irak

Robert Leicht

Ob man aus der Geschichte lernen kann? Diese Menschheitsfrage geht einem immer wieder neu durch den Kopf, erst recht, wenn man – einer Fügung des Lehrplanes folgend – mit seinen Studenten Thukydides’ „Peloponnesischen Krieg“ ausgerechnet in den Wochen durcharbeitet, in denen der amerikanische Präsident George W. Bush sogar von seinem neuen Verteidigungsminister mit der Nase darauf gestoßen wird, dass der Krieg im Irak derzeit nicht zu gewinnen ist – wann aber je? Die Weltmacht der Gegenwart schlechthin, wie damals Athen, vor der selbstverschuldeten Niederlage: Hätte man dieses Desaster, aus der Geschichte lernend, verhindern können?

Thukydides jedenfalls, der Erstling der modernen Geschichtsschreibung, wollte keineswegs die gewohnte Mythendichtung fortspinnen oder unterhaltsame Doku-Soaps verfassen: „Zum bloßen Anhören wird vielleicht durch das Fehlen des erzählerischen Elements meine Darstellung weniger erfreulich erscheinen. Wer aber klare Erkenntnis des Vergangenen erstrebt und damit auch des Künftigen, das wieder einmal nach der menschlichen Natur so oder ähnlich eintreten wird, der wird mein Werk für nützlich halten, und das soll mir genügen. Als ein Besitz für immer, nicht als Glanzstück für einmaliges Hören ist es aufgeschrieben.“ Übrigens, selbst Adenauer sagte, die Arbeit des Historikers „sei nur wirklich getan, wenn er so gut wie möglich zukünftige Entwicklung aus dem jetzigem Geschehen folgert.“

Ob man also aus der Geschichte lernen kann? Können vielleicht schon, aber falls man es umfassend täte, käme die Geschichte selber wohl zum Stillstand. So aber bietet die Wirklichkeit lauter Déjà-vu-Erlebnisse. Wer könnte anders, als in der törichten Arroganz der Administration des jüngeren Bush vor dem Irakkrieg einen Wiedergänger der Selbstüberschätzung zu erkennen, mit der die Athener im Jahr 415 v. Chr. gegen Sizilien segelten, „um es zu unterwerfen, wenn sie es könnten“.

Gewiss, historische Vorgänge lassen sich nie direkt miteinander vergleichen. Aber Ähnlichkeiten in den Attitüden wird man nur zu oft finden, vor allem eben jene Wiederholungen, in denen aus realitätsblinder Hybris krasse Niederlage wird. Oder – anderes Beispiel: Wer würde angesichts der ursprünglich so vernünftigen wie letztlich tragischen Figur des Colin Powell nicht an den athenischen Feldherrn Nikias denken, der stets, zögernd und antigenial, das Kluge wollte und vor dem schieren Abenteuer warnte, um am Ende doch in den Irrsinn verstrickt zu werden? Powell übrigens hatte ein vermeintliches Thukydides-Zitat unter seiner Schreibtischplatte liegen: „Von allen Machterscheinungen ist Zurückhaltung die beeindruckendste.“ Dieser Satz findet sich zwar nicht im „Peloponnesischen Krieg“ – aber eine Lehre daraus könnte er dennoch sein.

Genug des andeutenden Rückblicks – wo bleibt der Ausblick? Thukydides glaubte, aus der Geschichte lasse sich deshalb lernen, weil die menschliche Natur im Grunde konstant sei. Was aber, wenn die konstante Eigenschaft auch des regierenden Menschen seine Neigung zur sich selbst überschätzenden Propaganda und Torheit ist? Dann lernt man eben sehr wenig oder doch nur dies: dass Torheit sich fortzeugend selber wiederholt. Und deshalb hat nach dem Irakkrieg, wenn er dann zu Ende sein wird, Barbara Tuchmann allen Grund, ihrem Buch über die Torheit der Regierenden ein weiteres Kapitel anzufügen.

Der Autor lehrt als Honorarprofessor an der Universität Erfurt.

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