Meinung : Von Schrott zu Gold

Zur Berichterstattung über das Buch der Historikerkommission zur Rolle des Auswärtigen Amtes in der NS-Zeit

Der Bericht der Historikerkommission berührt die Grauzone zwischen noch zu vertretender Loyalität und Staatsräson und der ethischen Pflicht, der Staatsmacht die Gefolgschaft zu verweigern oder gar Widerstand zu leisten, sobald hoheitliches Unrecht ein nicht mehr erträgliches Ausmaß annimmt, und dem Appell des eigenen Gewissens, sofern es nicht ausgelöscht wurde, zu folgen. Die Frage stellt sich, wann ist der Zeitpunkt gekommen, eigene Karriereambitionen zurückzustellen und Anstand und Moral zum Durchbruch zu verhelfen? Das erforderte damals sicher eine Menge Mut und innerer Prinzipien. Sicher, nicht jeder ist zum Märtyrer geboren, bereit sein Leib und Leben und das seiner Familie, aufs Spiel zu setzen. Aber es macht doch nachdenklich, wie bereitwillig und skrupellos christlich-humanistische Werte, so mal eben, über Bord geworfen werden, mit denen man sonst gerne hausieren geht, ansonsten der Kunst und Kultur zugetan, wie eiskalt und blasiert weggeschaut wird, während andere in biedermeierlichem Gehorsam dem „Vergasungsgeschäft“ beflissen nachgehen, weil der eigene moralische Seismograf nicht mehr anschlägt. Aus heutiger Sicht scheint die Gefahr, jedenfalls in unseren Breiten, eines derartigen zivilisatorischen Exzesses, durch UN-Menschenrechtskonventionen und Verfassungen, die die Menschenwürde unter besonderen Schutz stellen, gebannt. Vorfälle, wie im Abu-Ghuraib-Gefängnis, Völkermord in Ruanda oder im ehemaligen Jugoslawien, der Irakkrieg oder die Ausraster fanatischer „religiöser“ Fundamentalisten, zeigen jedoch, dass man nie sicher sein kann vor einem Rückfall in barbarische Verhaltensmuster.

Wolfgang Gerhards, Berlin-Tempelhof

Herzlichen Glückwunsch zum Kommentar „Über Barbaren“ von Lorenz Maroldt. Auch ich war überrascht und schockiert – und zwar über die Überraschung allenthalben über das Ergebnis des Berichtes. Der Kommentar ist eine löbliche Ausnahme und legt den Finger in die richtige Wunde. Nein, so etwas können unsere gebildeten (von und zu) Eliten nicht gemacht haben. Auf dieser untertänigen Sicht auf deutsche, historisch gewachsene Eliten baut übrigens auch die Eliten-Überlegenheitsideologie von Sarrazin auf. Mich hätten die Ergebnisse in ihrer inhaltlichen Substanz nicht einmal vor über 30 Jahren als politisch-historisch interessierter Abiturient überrascht. Robert Drewnicki,

Berlin-Charlottenburg

Was Ihre Behauptung betrifft, lange Zeit sei im Auswärtigen Amt der Mythos gepflegt worden, die deutsche Diplomatie sei nicht in die Nazi-Diktatur verstrickt gewesen, lade ich Sie ein, den Beweis anzutreten. Ihnen wird bekannt sein, dass das Auswärtige Amt in Bonn nicht von Beamten geleitet worden ist, sondern von Politikern der CDU, FDP und SPD. Welchen Politikern aus welchen Parteien machen Sie mit welchen Nachweisen den Vorwurf der Mythospflege? Im Übrigen war das Auswärtige Amt vom Wilhelmstraße-Prozess der Alliierten in Nürnberg unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg bis zu Buch- und Artikelveröffentlichungen in den letzten Jahren stets Gegenstand kritischer Untersuchungen. Es wird sich zeigen, was angesichts dieser langen Kritik-Vorgeschichte Neues von der Conze-Kommission zutage gefördert worden ist. Sollte das Auswärtige Amt tatsächlich eine verbrecherische Organisation gewesen sein, dann wären zugleich alle seine Angehörigen Verbrecher gewesen. Das wäre in der Tat neu.

Dr. Alexander Arnot,

Berlin-Charlottenburg

Man kann Herrn Müller-Neuhof nur beglückwünschen zu der brillanten Formulierung, dass es der Nachteil von Leuten sei, die sich für etwas Besseres halten, dass für sie nicht vorstellbar ist, schlecht gewesen zu sein. Ein genialer Satz, dessen Richtigkeit aber nicht nur für die Vergangenheit gilt, sondern den man auch heute noch durch nahezu alle so genannten Spitzenpolitiker oder Topmanager, Professoren wie auch durch so manchen „Normalo“ bestätigt sehen kann. Schade nur, dass viele Betroffene wohl gar nicht verstehen werden, dass sie gemeint sind.

Hans-Joachim Goeres, Meckenheim

Berichterstattung und Kommentierung über das Auswärtige Amt und die „Verstrickungen“ (sprich: Mit-Täterschaft) vieler seiner Diplomaten (und auch sonstiger Amtsangehöriger) waren informativ und differenziert, kurz hervorragend. Noch eine Anmerkung zur Bewertung der zu oft gefeierten Rede des Bundespräsidenten von Weizsäcker. Einer seiner Vorgänger, der liberale Bundespräsident Theodor Heuss, hatte, als er sich gegen diejenigen wandte, „die gern erzählen: Wir haben von alledem nichts gewußt“, bereits 1952 im KZ Bergen-Belsen gesagt: „Wir haben von den Dingen gewußt.“ Dabei geht es nicht darum, dass etwa alle Deutschen alles wussten. Nur eben sehr viel mehr, als es je ehrlich zugegeben und sich schuldig bekannt haben. Mit diesem Satz von Theodor Heuss aus dem Jahr 1952 hätte sich Herr von Weizsäcker 1985 doch wohl auch auseinandersetzen müssen. Dass er es nicht tat (und natürlich viele, viele andere nach 1952 auch nicht), ist immer noch bezeichnend und vielsagend. Schweigen ist eben nicht Gold. „Schweigen ist Schrott“, schreibt der Deutsche Bundesjugendring auf sein Handbuch für Öffentlichkeit (1996). Recht haben sie, die jungen Leute. Dies gilt gerade in Bezug auf die Beschäftigung mit unserer Vergangenheit!

Hans-Joachim Engler, Anneliese Sittek, Berlin-Wittenau

Mit besonderem Interesse habe ich den Leitartikel „Die braune Zeit“, verfasst von einem der Herausgeber des Tagesspiegels, gelesen. Dabei hat mich die ausgewogene, sachliche und brillant formulierte Abhandlung des heiklen Themas sehr beeindruckt. Jedem Satz dieses Artikels kann man vorbehaltlos zustimmen, nichts davon ist überflüssig. Diese Fähigkeit, einen bedeutenden politischen Sachverhalt auf Basis einer klaren, vorurteilsfreien Position so auszuleuchten und zu analysieren, wünschte ich mir bei allen Journalisten, die Einfluss auf die politische Meinungsbildung ausüben wollen. Der letzte Absatz bringt es auf den Punkt, wofür wir noch keine gültige Antwort haben. Vielleicht hilft er auch DDR-Nostalgikern, sich innerlich in das geeinte Deutschland zu integrieren.

Dr. Rolf Jannasch, Berlin-Tegel

Es ist überraschend, wie überrascht jetzt nach 60 Jahren unsere heutigen Politiker und andere Offizielle über die Rolle des Auswärtigen Amtes in der NS-Zeit sind. Wer je gedacht hatte, dass die Diplomaten des AA frei von Schuld gewesen sein könnten, der hat nie begriffen oder wollte nie begreifen, wie diktatorische Systeme funktionieren. Alle regierungsnahen Organisationen, also auch das AA, aber auch Wehrmacht, Geheimdienste und ähnliche „Dienstleister“ – wen immer man dazu zählen mag – waren Teile dieses menschenverachtenden Systems und damit auch größtenteils in alle mörderischen Aktionen mehr oder weniger involviert. Das NS-System hätte ohne Mitwirken aller Teilorganisationen weder national noch international bis zum bitteren Ende funktionieren können. Man müsste überrascht und verwundert sein, wenn das Auswärtige Amt nicht in die Taten des gesamten NS-Systems involviert gewesen wäre. Thomas Strauch, Berlin-Lichterfelde

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben