Meinung : „Von zu Hause bin ich ausgezogen“

Der Tagesspiegel-Karikaturist Klaus Stuttmann über seine Zeichnung, die Kampagne dagegen – und die Schere im Kopf

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Herr Stuttmann, Ihre Karikatur für die Freitagsausgabe des Tagesspiegels wurde in Iran scharf kritisiert. Die Sportzeitung „90“ nannte sie „schamlos“, der Generalsekretär der iranischen Sportpressegemeinschaft sprach von einem „schmutzigen Witz“.

Ein Missverständnis. Die Zeichnung zielte nicht auf die Iraner, sondern auf das Thema Bundeswehr bei der Weltmeisterschaft. Ich bin dagegen, dass Soldaten bei der WM eingesetzt werden und versuchte meinen Standpunkt zu verdeutlichen, indem ich den Vorschlag ins Absurde zog.

Sie haben das deutsche Fußballnationalteam als Soldaten gezeichnet und daneben die iranische Nationalmannschaft als Selbstmordattentäter mit Bomben um den Bauch. Darüber steht „Warum wir bei der WM unbedingt die Bundeswehr brauchen“.

Ich sehe die Iraner nicht als Selbstmordattentäter, das sind sie ja auch nicht. Im Gegenteil: Es sind Sportler, wie alle anderen Sportler auch. Deshalb braucht man ja auch keine Bundeswehr. Darum ging es mir. Ich meinte das metaphorisch. Viele Iraner haben die Zeichnung missverstanden und so übersetzt: Wegen der Iraner brauchen wir die Bundeswehr.

Haben sich Iraner bei Ihnen persönlich beschwert?

In hunderten E-Mails bin ich bedroht und beschimpft worden. Als am Samstagmittag die erste Morddrohung kam, habe ich sie erst nicht richtig ernst genommen. Aber jemand hatte meine Zeichnung eingescannt und ins Netz gestellt. Die Diskussion ging dann schneeballartig weiter. Ich bekam Mails aus den USA, Frankreich, Australien.

Alle mit demselben Tenor?

Es gab drei Morddrohungen, aber die Mehrzahl der Mails war unflätig: Fast alle schrieben so etwas wie „Shame you“, „schäm’ dich, Nazi“, „Hitler“, „Motherfucker“ – der ganze Hass kam da heraus. Erst dachte ich, es sind Islamisten. Aber mehrheitlich sind es Mails von regierungskritischen Exiliranern. Die trennen ganz scharf zwischen Sport und Politik. Viele beschwerten sich, dass die iranische Nationalmannschaft nichts mit der Regierung zu tun hätte. Mir war das so nicht klar. Gestern habe ich mich sicherheitshalber entschlossen, von zu Hause auszuziehen.

Dass Ihre Karikatur solch ein Echo auslöste, liegt auch daran, dass sie mitten in den Karikaturenstreit fällt.

Karikaturen als solche gelten zurzeit offenbar in manchen Kreisen als ein böses Medium.

Hatten Sie nicht das Gefühl, dass man in dieser Situation als Karikaturist mit Muslime betreffenden Themen vorsichtig umgehen sollte?

Natürlich war ich vorsichtig. Ich hätte aber sowieso nie Karikaturen gezeichnet, wie es meine dänischen Kollegen taten. Die Zeichnungen in der „Jyllands-Posten“ hielt ich für eine überflüssige Provokation. Ich greife auch nie den christlichen Glauben an sich an, obwohl ich Atheist bin. Die Leute können von mir aus glauben, was sie wollen.

Wo liegt für Sie die Grenzlinie zwischen Freiheit der Karikatur und Beleidigung des Glaubens?

Ich kritisiere in meinen Zeichnungen beispielsweise die Politik von Hamas, aber nicht den Religionsgründer Mohammed, der hat damit nichts zu tun. Wenn ich eine Karikatur gegen christliche Fundamentalisten in den USA machen würde, würde ich auch nicht Jesus mit Weiß-ich-was zeichnen.

Darf man karikieren, was anderen heilig ist?

Darf man. Sonst könnte ich gar nichts mehr zeichnen. Irgendetwas ist irgendjemandem immer heilig. Und im Zeitalter der Globalisierung wird es immer schwerer. Vor ein paar Jahren hatte ich es im Gefühl, wem man was zumuten kann. Jetzt geht eine Zeichnung im Nu über den ganzen Erdball, und die Kulturen haben ganz andere Humorauffassungen. Das wird wirklich kompliziert.

Hatten Sie jemals zuvor ähnlichen Ärger?

Ich bin nie bedroht worden. Vor zwei Jahren hatte ich für die IG Metall eine Zeichnung über einen SPD-Parteitag gemacht. Ich wollte damals kritisieren, dass dort niemand Schröder kritisierte. Deshalb habe ich die Delegierten wie Betende in einer Moschee gezeichnet. Die muslimischen IG-Metall-Mitglieder haben sich wahnsinnig beschwert. Damals spürte ich zum ersten Mal, dass es eine andere Kultur mit einem anderen Humorverständnis gibt, die in Deutschland eine Rolle spielt.

Werden Sie in Zukunft anders mit Themen umgehen, die Muslime betreffen könnten?

Ich hatte bislang keine Probleme, Zeichnungen zum iranischen Präsidenten zu machen. Da habe ich zurzeit Bauchschmerzen. Man kriegt mit, wie ungeschützt man ist.

Dann hat die Gegenseite gewonnen?

Das würde ich nicht sagen. Aber ich werde mir beim nächsten Mal dreimal überlegen, ob irgendjemand mit religiösem Hintergrund eine Zeichnung uminterpretieren könnte.

Die Fragen stellten Barbara Nolte und Malte Lehming

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