Meinung : „Vor 30 Jahren hätte ich darüber gelacht“

Caroline Fetscher

Nun packt er die Koffer für Kabul. Tom Koenigs, derzeit noch Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, soll ab Februar 2006 der neue UN-Sondergesandte für Afghanistan werden. Von dort soll der Verwaltungsfachmann und Finanzexperte UN-Chef Kofi Annan Lageberichte für den Sicherheitsrat liefern. Außenminister Frank-Walter Steinmeier freut sich über die „Anerkennung für das deutsche Engagement in Afghanistan“.

Koenigs, der am 25. Januar 62 Jahre alt wird, stieg im September 1999 mit einem Topjob bei den UN ein, als der Grüne und ehemalige Stadtkämmerer von Frankfurt am Main und Neffe des dortigen Börsenpräsidenten, die UN-Zivilverwaltung des Kosovos übernahm. Kreativ sei er, bescheiden und ein blitzgescheiter Analytiker, berichten ehemalige Mitarbeiter. Vor allem gilt der Literaturbegeisterte und Übersetzer von Garcia Marquez als „guter Zuhörer.“

Auf die drei Jahre Kosovo folgte im August 2002 Koenigs’ UN-Position als Sondergesandter in Guatemala. Dort stellte er als Erstes einen runden Tisch in sein Büro und ließ eine gläserne Tür einbauen. Er liebt Transparenz, heißt es, und das gute Beispiel. Auch als Koenigs Frankfurts Finanzen sanierte und die Stadt auf harten Sparkurs setzte, radelte er selbst, vorbildlich, mit dem Dienstfahrrad ins Büro.

Von der alten Geschichte mit dem verschenkten Geld will Tom Koenigs seit langem nichts mehr hören: „Das interessiert doch keinen mehr.“ Gleichwohl bleibt sie legendär. Dem Vietcong und chilenischen Widerstandsgruppen hatte der Bankierssohn, selber ein studierter Betriebswirt und Bankkaufmann, 1973 sein Millionenerbe überwiesen, für den Weggefährten Joschka Fischers damals Ehrensache. Wie „Joschka“ jobbte auch Koenigs während des Studiums als Taxifahrer und in einer Fabrik. An Posten wie Außenminister oder UN-Beamter dachten beide nicht im Traum. „Wahrscheinlich hätte ich vor 30 Jahren über solche Karrieren gelacht“, sagte Koenigs in einem Interview.

Inzwischen ist der Revoluzzer von einst schon so lange ein demokratischer Realist, dass es auch nicht verwunderte, als er sich 1999 für die Nato-Intervention gegen Serbien aussprach. Der dreifache Familienvater, der in der Tat einmal Literaturübersetzer werden wollte, ist heute ein Übersetzer zwischen Konfliktparteien und Kulturen. „Ohne jede koloniale Arroganz“, sagt eine Ex-Kollegin. Eine gute Wahl für Kabul.

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