Vor dem Ghana-Spiel : Hart, aber ungerecht

Wäre Fußball gerecht, gäbe es kein Drama, und niemand würde zuschauen. Es ist der feine Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Fairness, der den Fußball zum größten Spiel der Welt macht. In dieser Grauzone bewegen sich Fans wie Spieler. Ein Kommentar.

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Umstrittene Entscheidung: Die rote Karte gegen Klose im Spiel gegen Serbien.
Umstrittene Entscheidung: Die rote Karte gegen Klose im Spiel gegen Serbien.Foto: dpa

Ein kleiner Vorgeschmack auf das Spiel am Mittwochabend: Lahm flankt in der 90. Minute von rechts, Özil leitet weiter, Gomez stoppt auf brasilianische Art mit Schulter und Arm und schiebt den Ball ins Tor. Unbeschreiblicher Jubel! Der Schiedsrichter fragt den Stürmer, ob er Hand gespielt habe, und der Deutsche nickt und senkt das Haupt. Der Treffer zählt nicht. Deutschland ist ausgeschieden. Ghana spielt Schicksal. Die Weltmeisterschaft endet für das DFB-Team, wie sie begonnen hat, als Kevin-Prince Boateng, der ghanaische Nationalspieler aus Berlin, Michael Ballack im englischen Cup-Finale vom Platz und aus der deutschen Mannschaft trat.

Zweierlei ist an diesem Szenario unwahrscheinlich. Mario Gomez trifft nie, auch nicht mit den oberen Extremitäten. Und kein Spieler ist ein solcher Tor, dass er sich selbst anzeigt und Ehrlichkeit über den Erfolg stellt. Drin ist drin. Im Fußball hat die Wahrheit kurze Beine. Sie werden immer kürzer.

Die Weltmeisterschaft in Südafrika kommt in Fahrt. Das liegt aber nicht an der spielerischen Qualität des Turniers, und die zunehmende Erregung ist auch nicht allein dem Herannahen der K. o.-Phase geschuldet. Es sind die spektakulären Fehltritte der Stars und vor allem die bizarren Schiedsrichterauftritte, über die die Welt redet. Anelka löst mit seiner Gossenmoralpredigt eine halbe französische Staatskrise aus, der Ghanaer Muntari muss sich beim Trainer und bei der Mannschaft für seine Entgleisungen entschuldigen, und der Engländer Rooney ist sowieso eine loose cannon, ein wandelndes Pulverfass. Die Nerven liegen blank, weil mancher Unparteiische nicht schlichtet, sondern schlicht provoziert. Ein eklatanter Fall: der absurde Platzverweis des Franzosen Gourcuff im gestrigen Spiel gegen Südafrika.

Das Volleyball-Tor des Luis Fabiano und der locker-aufreizende Plausch mit Schiedsrichter Stéphane Lannoy – die Bilder werden in die Geschichte des Fußballs eingehen. Himmelschreiende Ungerechtigkeit gab es schon immer (Wembley 1966! Maradona 1986!), aber dank der HD-Fernsehtechnik und der ubiquitären Kameras, die nahezu jeden Winkel des Spielfelds erfassen, sehen wir jetzt alles, entgeht uns nichts, ist jeder Zug lupenrein dokumentiert. Wie die USA um den Sieg gebracht und die Schweiz grob benachteiligt wurde, wie Monsieur Lannoy in jenem Spiel, in dem die göttliche Hand mal wieder eingriff, den Brasilianer Kaká wegen eines lächerlichen Schubsers vom Platz stellt und brutale Fouls der Ivorer durchgehen lässt. Dass Frankreich nur wegen einer katastrophalen Fehlentscheidung mitspielen darf, ist nicht vergessen. Thierry Henry klatschte Irland mit der Hand aus der Qualifikation. Nachher habe er in der Kabine gesessen und geweint, gab der schwedische Referee Martin Hansson jetzt zu. Und riskiert damit einen Karriereknick.

Wäre Fußball gerecht, gäbe es kein Drama, und niemand würde zuschauen. Aber fair soll es dabei schon zugehen. Es ist der feine Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Fairness, der den Fußball zum größten Spiel der Welt macht. In dieser Grauzone bewegen sich Fans wie Spieler. So ehrlich kann man schon sein: Die eigene Mannschaft muss gewinnen, wenn möglich auch mit fairen Mitteln, gegen einen fairen Gegner. Und dabei steht oft das Schiedsrichtergespann im Weg.

Für das Entscheidungsspiel Deutschland gegen Ghana hat die Fifa den Brasilianer Carlos Simon aufgeboten, der als schräge Pfeife gilt. Derselbe Mann hat allerdings bei der WM vor vier Jahren das Achtelfinale gegen Schweden ordentlich geleitet. Da ist es wieder, das Gerechtigkeitsding. Wenn es gut geht, muss man kein weiteres Wort verlieren. Scheidet Deutschland mit Hilfe dieses Schiedsrichters aus, gibt es Skandal.

Ob es an den medialen Veränderungen liegt, an der Beschleunigung und Athletisierung des Spiels, an der Überforderung der Richter im Fußballring: Noch nie standen die Aufpasser so sehr im Mittelpunkt. Nie wirkten sie so unberechenbar, niemals waren Schiedsrichter ein solches Sicherheitsrisiko – in einem brutalisierten Sport. Fair is foul, and foul is fair, heißt es in Shakespeares „Macbeth“. Es stimmt, leider: Fußball ist unser Leben.

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