Meinung : Vor dem Klima kommt das Fressen

Erderwärmung und Afrika, schön und gut, aber vorrangig geht’s bei G8 um Interessen

Ursula Weidenfeld

Die Spindoktoren der Kanzlerin brauchten nicht lange, um sich von ihrem Schock zu erholen. Nachdem US-Präsident George W. Bush am Donnerstag gesagt hatte, dass er die europäischen Klimaziele nicht richtig finde und stattdessen einen eigenen Anlauf zum Klimaschutz starten werde, war die Niederlage der deutschen Umweltdiplomatie zwar offenbar. Aber waren auch Angela Merkel und Europa in ein schweres Desaster geschlittert?

Keineswegs, im Gegenteil: Auch wenn der Amerikaner nicht unterschreiben will, dass die Erderwärmung in den kommenden 50 Jahren auf zwei Grad begrenzt werden soll, so hat es die weise, charmante und taktisch geschickte Kanzlerin doch geschafft, den US-Präsidenten ins Lager der Klimaschützer zu ziehen. Glückwunsch, Frau Merkel, schon vor dem Gipfel so ein schöner Erfolg!

Deshalb dürfen wir schon heute vermuten, dass der Gipfel trotz der momentan öffentlich gepflegten Bedenkenträgerei mit einer schönen Erklärung zu Ende gehen wird. In der wird Angela Merkel das Erreichte als Erfolg darstellen. George Bush wird dem überzeugt zustimmen – egal, was es ist.

Denn wie lässt sich schöner verbergen, dass es die nationalen Interessen sind, die auf allen Seiten das Gemeinsame rapide schwinden und das Trennende ebenso schnell wachsen lassen? Europa und vor allem Deutschland wollen schnell harte Klimaziele. Klar, Europa und vor allem Deutschland haben bereits eine ziemlich gut funktionierende Umweltindustrie herangezüchtet, die die CO2-sparenden Produkte liefern kann. Die USA wollen diese Klimaziele nicht oder später – denn hier ist die Umweltindustrie erst im Aufbau, es dauert noch ein paar Jahre, bis die Branche zum Weltmarktführer hochsubventioniert ist. Dasselbe gilt für China und Indien.

So geht es beim G-8-Treffen gar nicht vorrangig ums Klima, um die Teilhabe der asiatischen Staaten oder um die Armut in Afrika. Es geht darum, wer künftig von den Wachstumschancen der Welt am meisten profitieren darf. Das ist absolut vernünftig. Nur, wenn auch die Industriestaaten kräftiges wirtschaftliches Wachstum produzieren, gibt es überhaupt eine Chance für verbindliche Übereinkünfte. Damit aber wären die G8 wieder da angekommen, wo sie einst gestartet sind: Wie lässt sich der Wohlstand sichern und ausbauen?

Nur die SPD hat das anscheinend immer noch nicht verstanden. Sie will sich am heutigen Montag, also unmittelbar vor Beginn des Gipfels, mit ein paar Schüssen in die eigene Jagdgesellschaft in Erinnerung bringen. Angeführt von ihrem Super-Umweltminister Sigmar Gabriel wollen die Sozis ihren eigenen Klimaplan beschließen, schärfer, entschiedener, politisch korrekter als alles bisher Dagewesene. Wer solche Freunde hat, der braucht Bush nicht zu fürchten.

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