Meinung : Vor dem Scherbengericht Von Stephan-Andreas Casdorff

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Die Stimmen in der CDU mehren sich, die ein Scherbengericht über den Wahlkampf und sein bitteres Ergebnis verlangen. Nun kann man sagen, wie es einige Merkelianer auch tun, dass es doch nur die zweite Reihe ist, die sich so äußert. Allerdings ist das andererseits eine ganz schöne Beleidigung für, zum Beispiel, den CDUBundesvize Christoph Böhr, oder den Vorsitzenden der Arbeitnehmer, Karl-Josef Laumann, oder den Fraktionsvize Wolfgang Bosbach. Eben noch waren die alle ministrabel.

Richtig ist, dass es eine Aufarbeitung geben sollte. Das Ergebnis für die Union, für Angela Merkel, ist das, mit dem seinerzeit Helmut Kohl abgewählt wurde. Richtig ist aber auch, dass es immer zwei Termine für solche Aufarbeitung gibt: entweder zu früh oder zu spät. Zu früh ist es, weil, taktisch gedacht, dann nicht verschwiegen werden kann, wer diesen Wahlkampf geprägt hat: Merkel und Volker Kauder. Es war ein Wahlkampf auf ihre Art, mit ihren Themen, ihren Kandidaten. Und es war der Generalsekretär, der Merkel darin bestärkt hat. Von der christlich-sozialen Seele der CDU war nichts zu sehen; eine Tatsache, die vom anderen Merkel-Vize in der Partei, vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers, rechtzeitig angesprochen worden ist. Die Quittung war deutlich, das Ergebnis in NRW sagt alles: von 45 Prozent bei der Landtagswahl für die CDU, wie sie sich Rüttgers vorstellt, zu mehr als 40 Prozent für die SPD bei der Bundestagswahl. Wer aber jetzt darüber öffentlich so redet, der schwächt Merkel noch mehr. Der nimmt ihr zu Beginn der Koalitionsverhandlungen jede Autorität und bald schon die Legitimation, für die Union Kanzlerin zu werden. Und Kauder muss ja auch noch Unionsfraktionschef werden, nicht wahr?

Zu spät kommt die Aufarbeitung, weil es nachher den Betroffenen daran gelegen sein wird, nicht zu heftig zu streiten, nicht zu viel Schuld zu verteilen. Sonst wird ja auch wieder die Autorität Merkels in Frage gestellt, diesmal als Kanzlerin. Und darüber hinaus ihre Begabung, die richtigen Leute für wichtige Aufgaben auszuwählen. Gott behüte! Lieber werden die Merkelianer den Mantel des Schweigens darüber ausbreiten wollen. Was verstänlich ist. Nur wird es nicht funktionieren. Die lebendige Anklage sitzt im Kabinett: der Christsoziale Horst Seehofer.

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