Meinung : Vor den Neuwahlen: Doppeltes Spiel

Stephan-Andreas Casdorff

Es ist entschieden, die Spitzenkandidaten für das Abgeordnetenhaus sind gefunden. Nun beginnt der Kampf um Berlin gleich doppelt, im Land und im Bund. Über die Auswirkungen darf sich niemand wundern.

Zum Thema Online Spezial: Machtwechsel in Berlin Ob Gerhard Schröder mit den Genossen hier im Ort den Umsturz langfristig geplant hat oder nicht, also ob situativ oder intuitiv oder machiavellistisch: Die Lage ist für die SPD überraschend komfortabel geworden. Wohlgemerkt im Bund. Hier ist sie Zwischensieger. Das klingt vielleicht kurios, weil die SPD ohne einen Bundespromi angetreten ist, ist es aber nicht. Die anderen haben ihr in die Hände gespielt.

Die Sozialdemokraten haben jetzt, nach dem Tabubruch einer Machtbeteiligung der Postkommunisten, der erst in Berlin so richtig aufzufallen scheint, stolze vier Koalitionspartner: die CDU, die FDP, die Grünen, die PDS. Und wen hat, im direkten Vergleich, die andere große Volkspartei, die CDU? Anderthalb: die SPD, wenn es gar nicht anders geht, und die FDP, wenn die will und es von den Stimmen her reicht.

Das ist jedenfalls in diesem Moment die Ausgangslage zur Bundestagswahl 2002. Kurz gesagt: Die Bürger haben die Wahl, die SPD hat die Auswahl. Zumal die PDS mit Gregor Gysi als Frontmann zwischenzeitlich so tun wird, als wäre sie ganz anders, als sie ist: klassenkämpferisch und ideologisch. Aber die Show ist garantiert, und die kann ihr sogar national nutzen. Lokal steigt der Spaßfaktor. Da wird sich die SPD noch sehr, sehr vorsehen müssen. Sie hat für ihren 100-Tage-Bürgermeister viel riskiert, allerdings in Berlin noch nicht gewonnen. Auch nicht gegen die PDS.

Zurück zur Bundespolitik. Frank Steffel ist jetzt nicht mehr nur der Berliner, er ist auch Angela Merkels Kandidat. Seine Wahl wird zu ihrer Wahl. Die SPD im Land und im Bund wird das behaupten - und viele in der CDU werden es auch tun. Merkel wird sich in der nächsten Zeit vielleicht noch wünschen, sie hätte mit einer klaren Position eindeutig geführt. Von Anfang an.

Eberhard Diepgen konnte nicht mehr, seine Autorität ist auch im Berliner CDU-Verband verblasst. Aber wenigstens Merkel, qua Amt eigentlich mit Autorität ausgestattet, hätte anders handeln müssen: als Bundesvorsitzende, die strategischen Interessen immer mit im Blick. Der Regierende Bürgermeister soll doch im November Bundesratspräsident werden, und als solcher kann er Schröder ständig im Bundestag herausfordern! Wolfgang Schäuble, nur noch einmal am Rande, hätte das glaubwürdig gekonnt, und er hätte, mittelfristig, die CDU für die Grünen als weiteren Koalitionspartner öffnen können. So hätte über die schwarz-grünen Bündnisse in Saarbrücken und Frankfurt der Weg aus der Koalitionsfalle gelingen können. Das wäre fast eine Strategie gewesen.

Es hat schon seine eigene Tragik, wie Merkel sich die Chance dieser Situation entgehen ließ. So hat sie halt ein anderer genutzt: Doktor Helmut Kohl. "Massiv" mitmischen will er, und er tut es auch längst, weil die Vorsitzende ihm nicht Einhalt gebieten kann - wo sie auch anruft, Kohl war schneller. Kohl als Pate: Wahrscheinlich sieht er in Steffel wieder sich selbst, rauflustig, antikommunistisch, lokalpatriotisch. Ebenso wahrscheinlich hat er es, so banal wie bitter, nicht mit ansehen wollen, dass Schäuble auf hohem Niveau wieder einsteigt in die aktive Politik.

Merkel wirkt degradiert. Sie hätte für Berlin den besten Kopf der CDU haben können, sie hat den Wunschkandidaten von Klaus Landowsky. Und einen, den Kohl protegiert. Die aufs Neue gestellte Frage nach ihrer Führungsfähigkeit wird die große CDU weiter Selbstvertrauen kosten - und dementsprechend die Auswahl des Kanzlerkandidaten bestimmen. Die Büchsenspanner gegen Angela Merkel stehen bereit. Edmund Stoiber kann warten.

Was daraus folgt: Die FDP wird sich bestätigt sehen in ihrem Kurs auf die SPD zu, die Grünen sind an die SPD gebunden. Aber beide müssen kämpfen, um in die Parlamente und an die Seite Schröders zu kommen. Denn der hat ja zur Not noch die CDU. Und die PDS. In Berlin sind jetzt gerade die ganz vorne, die als erste gemerkt haben, dass es hier ums Ganze geht: Schröder und Gysi. Aber nur einer kann gewinnen.

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