Meinung : Vor der Nachkriegszeit

NAME

Jetzt fürchtet Bundestagspräsident Wolfgang Thierse um den Frieden in Afghanistan. Ihm ist schwerlich zu widersprechen, aber zugleich sind solche Reaktionen Teil des Problems. Warum halten deutsche Politiker erst jetzt, nach dem Mord an Vizepräsident Kadir, die Stabilität und Demokratisierung für gefährdet? Oder: Warum sagen sie es erst jetzt so deutlich? Der Frieden ist noch lange nicht gesichert, nicht einmal der Krieg gegen die Taliban ist unwiderruflich gewonnen. In entlegeneren Landesteilen liefern sich westliche Truppen immer wieder Gefechte mit Anhängern des alten Regimes. Dabei kommt es zu erschreckenden Fehlern wie der Bombardierung einer Hochzeitsgesellschaft. Die Friedenstruppe kann nicht einmal in der Hauptstadt Kabul stets die Sicherheit garantieren. Aber ist das überraschend? Die Afghanen sind heute keine Nation mit dem gemeinsamen Willen, das Land in Frieden und Demokratie zu einen. Dahin kann es, wenn überhaupt, erst im Laufe mehrerer Jahre kommen. Und nur, wenn die Entschlossenheit des Auslands zur Hilfe nicht erlahmt. Die Bundesregierung möchte vor allem von Fortschritten berichten: für die Frauen, in den Schulen, beim Parlamentarismus. Das ist verständlich, führt aber dazu, dass die Öffentlichkeit ein zu rosiges Bild hat. Und überrascht wird, wenn es wieder knallt. Und womöglich demnächst verständnislos reagiert, wenn Deutschland weiter Soldaten und Geld schicken soll. Das Land ist erst im Übergang zur Nachkriegszeit. cvm

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben