Meinung : Vorlesung im Olympiastadion

Der Numerus clausus ist unvermeidlich – bleibt aber eine reine Notmaßnahme

Anja Kühne

Die Berliner Universitäten stehen in der Öffentlichkeit als Studentenfeinde da. Mit der Numerus-clausus-Keule halten sie sich die bildungshungrigen Abiturienten vom Leibe: 90 Prozent aller Studiengänge sind inzwischen nicht mehr allen Bewerbern zugänglich. Noch im letzten Semester waren es „nur“ rund 70 Prozent. Wer Englischlehrerin werden will, wird mit einer Abiturnote deutlich über der Note Zwei schlechte Karten haben. Die Unis wollen mit dem Numerus clausus (NC) aber keine fragwürdige Elite bilden. Sie wollen ihn als Schutz. Ohne ihn würden sie überrannt, sagen sie.

Oder haben die Professoren vielleicht Angst vor zu viel Arbeit? Nein, es ist wahr: Die Studienplätze in Berlin reichen bei weitem nicht – und inzwischen auch nicht mehr für die Landeskinder. Es kann sich glücklich preisen, wer im Hörsaal noch einen Platz auf dem Fußboden bekommt, viele müssen im Stehen mitschreiben. Das frustriert die Studenten. Durch die Sparauflagen des Senats in den vergangenen Jahren mussten die Universitäten Stellen abbauen. Für 135 000 Studenten stehen 85 000 ausfinanzierte Studienplätze zur Verfügung. Deshalb hat die Wissenschaftsverwaltung den NC für 90 Prozent der Fächer bestätigt: Berlin ist zu Recht wegen völliger Überfüllung geschlossen.

Zu veranworten hat das aber die Politik. Die Unis müssen die Sparbeschlüsse umsetzen und junge Menschen von der Tür weisen – oder sollen sie die Vorlesung zum Nibelungenlied im Olympiastadion abhalten? Der Numerus clausus ist zwingend.

Gleichzeitig sind die Effekte für die Stadt schlecht. Studenten sind nicht nur teure Kostgänger. Im Bund-Länder-Finanzausgleich bekommt Berlin für jeden nicht von hier stammenden Studenten 2500 Euro. Die über 135 000 Berliner Studenten bewirken eine Nachfrage von einer Milliarde Euro, hat Wissenschaftsstaatssekretär Pasternack unlängst vorgerechnet. Viele werden sich selbstständig machen: 130 Ausgründungen mit 7200 Mitarbeitern und einer Milliarde Euro Umsatz gab es in den letzten Jahren aus der TU. Keine Frage: Viele gut ausgebildete junge Leute stellen ein enormes Potenzial dar. Die Stadt ist im Begriff, sich einen Teil davon entgehen zu lassen.

Berlins Finanzsenator Sarrazin fordert jetzt, die Bundesländer müssten den Hochschulen der Hauptstadt unter die Arme greifen, weil diese so viele Nicht-Berliner ausbilden. Das werden sie nicht tun. Es wäre auch unsinnig, da ihre eigenen Unis unterfinanziert sind. Sarrazin will nur nicht die volle Verantwortung übernehmen. Er erkennt genauso wenig wie seine Vorgänger, dass es falsch ist, an der Zukunft zu sparen.

Leider wird auch der Bund, der doch die Bildungsmisere an den Schulen für eine nationale Aufgabe hält, den Unis nicht zu Hilfe kommen. Die Bundesbildungsministerin lobt zwar, dass ihre Bafög-Reform „einen wahren Run auf die Hochschulen auslöst“. Wie Berlin ihn bewältigen soll, sagt sie aber nicht. Warum eigentlich kann für die Unis der Hauptstadt nicht getan werden, was für die Opern möglich war?

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