Meinung : Wärmstube Monarchie

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Von Bernd Matthies

Europas Monarchen sehen auf den ersten Blick ziemlich alt aus. Gelegentlich muss einer von ihnen sterben – dann wird regelmäßig auch das Ende der gesamten Staatsform beschworen. So war es beim Tod der britischen Queen Mum; doch zum 50.Thronjubiläum ihrer Tochter Königin Elisabeth in diesen Tagen sind die Kritiker der Monarchie längst wieder verstummt. Sie ahnen, dass der Hochadel, allen Gerüchten über seine Degeneriertheit zum Trotz, immer wieder neue Widerstandskräfte zu mobilisieren vermag, die ihn über die Jahrhunderte tragen.

Seltsamerweise sind es heute gerade die Abweichungen von der adeligen Ideallinie, die das Blut der Monarchien auffrischen. Thronfolger, die in wilder Ehe leben und bei Ikea shoppen, Prinzen, die kiffen, öffentlich Toiletten schrubben oder sich mit jedem gesprochenen Wort als hochprivilegierte Knalltüten erweisen – das alles steht in keinem Gotha akzeptablen Verhaltens, und dennoch steigert jede dieser Verfehlungen die Popularität der Betreffenden. Liegt gar eine Hochzeit an, ist eine Schwangerschaft gelungen oder droht die Trennung, dann wird offenkundig, mit welch einfachen Mitteln unsere doch so komplizierte Mediendemokratie auf ein Thema fokussiert werden kann, wie gut Politik und Spaßgesellschaft zueinander passen. Nur die Monarchie schafft es, das Öffentliche und das Private so innig zu vermählen.

Gerade ein vor Zeiten undenkbarer Vorgang, die Heirat mit einer „Bürgerlichen“, scheint zum zentralen Topos der neuen Medienmonarchie zu werden. Kein Wunder: Sind die Gattinnen gut ausgesucht, verhindern sie die Entfaltung eventuell vorhandener Trottel-Gene, frischen die Erbmasse auf für Jahrzehnte fröhlichen Repräsentierens. Deshalb erbebt Europa zurzeit unter einer Prinzessinnen-Offensive. Mette-Marit, Maxima und Mathilde haben sich mit Romantik und Härte durchgesetzt gegen alle Widerstände einschließlich der eigenen Vergangenheit, ja, sie schenken sogar den geistig einigermaßen herausgeforderten Gatten Profil und Würde. Da wirkt es fast anachronistisch, dass das spanische Königshaus dem Prinzen Felipe die Ehe mit dem Dessous-Model Eve Sannum verweigert – hätte das nicht die glamouröseste Ehe werden können von allen?

Die Monarchie, der niemand mehr echte Regierungsgeschäfte in die Hand geben würde, hat sich zu einem patriotischen PR-Unternehmen gewandelt, zu einer Emotions-Agentur, die uns Bürgerliche mit jenem Quantum an Märchen, Überfluss und Herzeleid versorgt, für das gewählte Politiker weder Zeit noch Geld haben. Nur noch in den Adelshäusern gibt es aufstrebende Aschenputtel, böse Schwiegermütter und gütige Regenten globalen Zuschnitts; wer will, mag die Ergriffenheit der Fans gar als säkulare Religion begreifen, als konkreten, sichtbaren Ersatz der verblassenden christlichen Gottheiten. Im Idealfall passt sogar beides zusammen, denn die katholische Maxima könnte dem reformierten Königshaus der Oranier ökumenische Perspektiven aufzeigen.

Die Politiker tun gut daran, sich von ihren Monarchen nicht in die Regierungsgeschäfte pfuschen zu lassen – und ansonsten der PR–Offensive des landeseigenen Hochadels keinen Widerstand entgegenzusetzen. Denn gegen schöne junge Frauen und niedliche Babys blauen Bluts sehen graue Aktenverwalter allemal uninteressant aus. Seltsamerweise hat die populärste Monarchie von allen, die britische, in dieser Richtung trotz des spektakulären Thronjubiläums gegenwärtig wenig zu bieten. Seit Lady Di fehlt es an geeignetem Personal: Andrew und Fergie sind als Thema durch, und ob Charles und Camilla jemals den heiligen Stand der Ehe erreichen, wissen auch gestandene Windsor-Astrologen nicht zu sagen.

Bleiben die Prinzen William und Harry. Auf ihren Schultern ruht ein Teil der Zukunft der Monarchie. Nicht, dass die Demokratien nicht auch ohne auskämen. Aber wer, wenn nicht Prinzen und Prinzessinnen, könnte die Bürger in harten Zeiten so zuverlässig mit guter Laune versorgen?

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