Meinung : Waffen-GG

Günter Grass, der alte Praeceptor, ist immer noch da – doch es warten Fragen auf ihn

Stephan-Andreas Casdorff

Klaus Wowereit will mit Günter Grass in der Hauptstadt Wahlkampf machen. So wie früher, als sei nichts gewesen? Oder ganz im Gegenteil als Signal, dass es doch nicht so schlimm sei, was da war? Nun, bei Wowereit Zweiteres. Bei dem Selbstbewusstsein, über das der Regierende gebietet. Auch bei dem Selbstverständnis, das er als Linker der Generation der heute Fünfzigjährigen hat. Und bei dem Willen, sich als eine politische Figur herauszuarbeiten aus dem rein Berlinischen.

Ja, um mit Biermann, dem Wolf unter den Schafen, zu reden: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wir lassen uns doch unseren Grass nicht nehmen, nicht wahr? Mag auch krass sein, was er sagt, Ikone muss er bleiben. Was sich angedeutet hat bei Kurt Beck, dem SPD-Vorsitzenden, setzt sich fort bei Wowereit, seinem möglichen künftigen Vize.

Dabei möchte man rufen, dass es die tauben Ohren öffnet: Lest! Lest, was Grass’ großer Kollege Louis Begley schrieb, lest, was Grass selbst geschrieben hat. Wie künstelnd das klingt, wenn man es laut liest; wie er von sich redet, aber auch – ganz besonders – über andere. Und dann: In einer Situation moralischer Bedrängtheit empfindet Waffen-GG nicht Bedrängnis, sondern geht zum Angriff über. Welche Frechheit liegt in seinen anklagenden Worten an die Adresse der USA und die Englands, Frankreichs, Hollands, Belgiens, weil die einst Kolonialmächte waren. Viel zu kritisieren gebe es da, schreibt Begley, „aber keine dieser Mächte setzte sich Genozid zum Ziel“.

Die Wellen, die Grass’ Worte schlagen, reichen über den Atlantik, weil Grass meinte urteilen zu sollen, dass das erste Mal, als er dem Rassismus begegnete, der in Gestalt eines weißen US-Soldaten daherkam. Das erste Mal? Unglaublich. Es ist, wie Begley fragt: Ob Grass im Ernst erwartet, dass ihm das angesichts der deutschen Rassenpropaganda vor dem Krieg einer glaubt.

Kein tief empfundenes Wort des Dankes für Frieden, Freiheit, Demokratie, das seine USA-Kritik relativiert. Stattdessen: Immer noch der alte Praeceptor. Glaubt er wirklich, er dürfte? Ja. Nur keine falsche Bescheidenheit, ach was, Demut, um ein verschüttetes Wort zu bemühen. Grass versagt sich nichts. Alle machen so viel falsch, von A wie Adenauer bis R wie Reagan. Er auch, irgendwie, ein bisschen. Aber hat er nicht auch so viel verloren, Schulzeugnisse sogar? Was für ein schwieriges Leben, damals. Böse gesagt: Damals, als andere ihr Leben verloren. Als die Waffen-SS Angst und Schrecken verbreitete. Und die Fragen kommen, sind schon da, die FAZ am Sonntag hat sie gestellt: Was hielt Grass, der 17-jährige Nazi, von den Juden? Warum war es gut, wenn sie verschwanden? Wie groß war sein Hass auf sie? In Kriegsgefangenschaft ist seine, sagen wir: Befangenheit wohl noch da. Seine Erinnerungslücken sind in dieser Hinsicht groß. Nicht allerdings, was die Kochrezepte im Lager betrifft.

Das Simon-Wiesenthal-Center möchte Antworten. Und es bittet Grass um Einverständnis, dass es in noch nicht erschlossenen Dokumenten nachforschen kann.

Da ist doch nichts dabei, oder?

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