Meinung : Wagner in Israel: Seine Diplomatie heißt Chuzpe

F.H.

Bravo hat im Italienischen viele Bedeutungen: Artige Kinder und geschickte Handwerker werden so gelobt, dem tüchtigen Sänger ruft man es in der Oper zu - aber auch dem mutigen Mitbürger. Avrà i suoi bravi motivi: Er wird gute Gründe dafür haben. Daniel Barenboim, der Stardirigent und jüdische Weltmann, fragte zum Abschluss des Konzerts seiner Berliner Staatskapelle in Jerusalem das Publikum, ob es als Zugabe einen Auszug aus "Tristan und Isolde" hören wolle. Die Mehrheit wollte. Aber es gab nicht nur Bravos. Wütende Zuhörer beschimpften Barenboim als "Faschisten", Bürgermeister Ehud Olmert sprach von einer "unerträglichen Provokation". Wagner ist in Israel tabu, weil die Nazis ihn als "Hofkomponisten" missbrauchten - deshalb war Barenboim der Wunsch, Wagner in Israel zu dirigieren, vor der Reise verwehrt worden. Für das Wiesenthal-Zentrum hat der Dirigent nun "das Privileg verwirkt, in israelischen Konzerthallen aufzutreten". Aber so ist Daniel Barenboim: Seine Diplomatie heißt Chuzpe. Er lächelt, scheint einzulenken - und macht dann doch, was er will. Stellt sich Berlin taub für seine Wünsche, holt er sich die Gehaltserhöhung für sein Orchester direkt beim Bundeskanzler. Blockieren hohl gewordene Argumente seine künstlerische Freiheit, lässt er die Musikliebhaber direkt abstimmen. Bravo, Maestro!

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