Meinung : Wahl auf Chinesisch

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Von Roger Boyes

Das Wahlfieber hat unseren Tisch im „Good Friends“ in der Kantstraße erfasst. Wir waren zu viert in unserem bevorzugten China-Restaurant: ein fetter Grüner (warum sind so viele Grüne fett? Gibt es eine Verbindung zwischen Bionahrung und Übergewicht?), ein Liberaler (von der coolen Art, der sich drei Tage lang nicht rasieren muss), ein jesuitisch erzogener Linker (nein, nicht Oskar) und ich, ein Anarcho-Syndikalist, dem es Spaß macht, beim Kricket zuzuschauen.

Hätten wir uns in einem Krimi von Agatha Christie befunden, wäre einer ermordet worden, mit Reiswein vergiftet. Aber es handelte sich nur um unseren Stammtisch und wir mussten entscheiden, wie wir wählen wollten. Am Ende stimmten zwei von uns für Nummer 126 (Huhn mit Cashewnüssen), einer für Rindfleisch „Chow Mein“ und ich nahm die Ente, weil ich Ingwer hasse. Die Wahlanalyse kam dann zu folgendem Ergebnis: 50,4 Prozent des Tisches (den fetten Grünen eingeschlossen) bevorzugen Ingwer, 25 Prozent sind unentschlossen, 24,6 Prozent Gegenstimmen.

Nach einer Weile langweilte mich das Gespräch. Es ist schon schlimm genug, jeden Tag über deutsche Politik schreiben zu sollen, auch ohne die Meinungen anderer Leute anhören zu müssen. So begann ich eine Konversation mit dem Kellner, den ich ein bisschen kenne, dessen n ich aber nicht nennen darf, weil ihn der Besitzer des „Good Friend“ dann vielleicht rausschmeißt, weil er die Zeit vertrödele.

Chinesische Kellner haben eine erstaunliche Erinnerung. Es ist unmöglich, die Nation nicht zu respektieren, die uns Jackie Chan, das Gelbfieber, Gongs und süßsaures Schwein geschenkt hat. Fu, fragte ich den Ober (seinen wahren Namen vermeidend), über was reden sie da am Nachbartisch? Er machte ein Ohr lang. Es handelte sich um eine Gruppe lauter, aufdringlicher Chinesen in glänzenden CSU-Anzüge. „Fußball“, antwortete er. Für ein kleines Trinkgeld dehnte er seine Untersuchung auf andere Tische aus: Geschäfte, Filme, Tratsch. Später, als wir die Schlüterstraße hinuntergingen, belauschten wir einige Tische auf dem Bürgersteig. Sie diskutierten über Probleme mit Freundinnen, Musik, wieder Fußball, Matt Damon.

Plötzlich kamen wir auf den Gedanken, dass wir wahrscheinlich die einzige Gruppe in Berlin waren, die über Politik redete. Dies war einer der politisiertesten Wahlkämpfe in der deutschen Geschichte, aber niemand, außerhalb der politischen Klasse, will wirklich über Politik reden. Warum? Weil zwei Fernsehduelle uns das Reden abgenommen haben. Und weil wir alle fühlen, dass es keine echte Wahl gibt.

Niemand von uns kann wirklich auf die Zusammensetzung der Regierung Einfluss nehmen. Was wäre, wenn wir Schröder wählten und er uns dann in eine Hochzeit mit Westerwelle führt? Was wäre, wenn wir für Stoiber votierten, und er dann eine Große Koalition anführt? Im „Good Friends“ kann man sich wenigstens zwischen „Chop Suey“ und „Chow Mein“ entscheiden – und mit einem vollen Bauch nach Hause gehen.

Der Autor ist Korrespondent der „Times“. Foto: privat

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