Wahlen : Hamburgensien und mehr

Es geht viel durcheinander in der Hansestadt Hamburg. Und die Zumwinkels und Co. kommen hinzu. Die Steuerrazien haben auch den Jungfernstieg erreicht. Wenn das so weitergeht und die Linke immer stärker wird - wo ist der Rettungsanker?

Stephan-Andreas Casdorff

Nicht nur, dass die Briefwahlunterlagen fehlerhaft sind, zu Hunderten, wie man hört. Es geht auch sonst noch viel durcheinander in der Hansestadt Hamburg, die doch allgemein für geordnete, höchst bürgerliche Verhältnisse steht. Nur irgendwie nie zu Wahlen, wenn man sich erinnert. Und was den Ausgang der kommenden angeht, der an diesem Sonntag, ist so ziemlich alles offen. Auch möglich. Was für eine Vorstellung für den Bund.

Hamburgensien und mehr stehen zur Wahl. Michael Naumann, der Spitzenkandidat, der sich monatelang wirklich für die SPD abgerackert hat (was bis hin nach Berlin auch die CDU-Grandinnen und Granden anerkennen), gerät ausgerechnet auf der Zielgeraden ins Straucheln. Wird knieweich, wie die Läufer sagen, zu denen sich Naumann zählt. Da sagt er doch tatsächlich, dass Ole von Beust die Wahl schon gewonnen hat! Jetzt sagt er das, vor der Wahl! So etwas hat es noch nie gegeben, in der ganzen Republik nicht; genauso wenig wie den Blackout in der Fernsehsendung, die fälschlicherweise „Das Duell“ genannt wurde.

Ob aber die Wahl davon wirklich entscheidend geprägt wird? Ist auch offen. Beust hat gesagt, ehrliche Haut, die er ist, dass das doch jedem mal passieren kann. Nett war das. Angestrengt, wie die beiden sind – wie man ihnen übrigens ansehen kann –, hätte Beust das vielleicht auch passieren können. Wenn man ehrlich ist. Aber so, wie beide vorher geredet haben, waren beide auch koalitionsfähig untereinander – und mit den Grünen. Vor allem denen. Beusts Avancen sind bundesweit beachtet worden, aber nur hamburgweit die Reaktion: dass sich die Grünen völlig uneins gezeigt haben, wie sie darauf reagieren sollen.

Die FDP ist eher ein Ausfall, denn sie macht in Hamburg – im Ernst – Wahlkampf für rauchende Hundehalter, die gegen den Leinenzwang sind. So sehr geht das alles durcheinander. Und weil das so ist, aber noch die Zumwinkels und Co. dazukommen, die Steuerrazzien jetzt auch Hamburg und den Jungfernstieg erreicht haben, steigt die Linke auf neun Prozent. Sie, die es so richtig noch gar nicht gibt, sind bereits so stark, wie die Grünen schwach geworden sind. Und da die Hamburger eine Schwäche für Protestparteien haben, seien es auch Obskuranten, ist nicht ausgemacht, ob die Linke nicht doch drittstärkste Kraft im Parlament wird. Dann drohen aufs neue hessische Verhältnisse.

Es sei denn … die Grünen entscheiden sich. Die einen sind für Schwarz-Grün, die anderen dagegen, was als Ergebnis haben kann, dass die Grünen womöglich links wie rechts Stimmen verlieren – und doch eine Koalitionsoption gewinnen. Weil nichts anderes mehr übrig bleibt. Oder etwa doch Rot-Rot-Grün?

Nicht in Hamburg. Nicht mit Naumann. Dann werden sich beide, Beust und er, daran erinnern, wie es zwischen ihnen war im Wahlkampf, nämlich hanseatisch, und den Weg ebnen für eine große Koalition.

Damit in Hamburg doch noch alles seine Ordnung hat. Und sie im Bund nicht verloren geht.

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