Meinung : Wahlen in England: Das kleinere Übel

Matthias Thibaut

Großbritannien gibt in diesen Wahlkampfwochen ein Rätsel auf, an dem selbst die Meinungsforscher zu knacken haben. Warum ist Labours Vorsprung so uneinholbar, obwohl die Unzufriedenheit im Lande so groß ist? Man findet auch bei bohrendem Nachfragen kaum jemand im Land, der sich als enthusiastischer Anhänger von Tony Blair und der Labourparty outet. Trotzdem liegt Labour konstant mit rund 20 Prozentpunkten vor den Konservativen und kann bei der Unterhauswahl am 7. Juni mit einem neuen, erdrutschartigen Sieg rechnen.

Vor vier Jahren sangen die Briten "Things can only get better". Diesmal wurde die Stimmung der Nation von der Partnerin eines Krebspatienten formuliert, die sich Blair bei einem Krankenhausbesuch in Birmingham wütend in den Weg stellte: "Alles, was Sie tun, ist herumgehen und sich zeigen. Aber den Leuten wirklich helfen, das tun Sie nicht," schrie sie ihm ins Gesicht.

Dritter Weg in die Dritte Welt

Sie sprach der Nation aus dem Herzen. Und das Gesundheitssystem ist nicht der einzige öffentliche Dienst im Inselstaat, der "unter Dritte Welt Niveau" gesunken ist, wie die Chefin der Krankenschwesterngewerkschaft klagte (und das, obwohl die Briten ihre Krankenschwestern zunehmend aus der Dritten Welt importieren). Dauerkollaps auf Straße und Schiene, Schulen, die wegen Lehrermangel schließen, Personalmangel bei der Polizei, überfüllte Gefängnisse, apokalyptische Kadaverberge auf dem Lande. Was die Erwartungen der Wähler angeht, hat Labour ein klares Leistungsdefizit. Das weiß auch Blair, der in bescheidener Demutshaltung erklärt: "Wir stehen erst am Anfang."

Labours ebenso haushoher wie erstaunlicher Vorsprung erklärt sich schlicht und einfach aus dem desolaten Zustand der Opposition. Ihr Chef William Hague ist ausgesprochen unpopulär, außerdem hat er die Tories weit nach rechts gerückt. Damit hat Hague zwar nach dem Wahldebakel von 1997 die Kernwähler der Tories wieder fest um sich geschart - aber gleichzeitig Blair die politisch entscheidende Mitte kampflos überlassen. Dieser kann nun im großen Zelt des "Dritten Weges", in dem jeder und alles Platz hat, umso unangefochtener regieren. Es gibt, sagt man schulterzuckend, keine Alternative. Umfragen deuten darauf hin, dass Anfang Juni so viele Briten wie noch nie der Wahl aus Apathie und Frustration fernbleiben werden.

Hinter dieser lustlosen Alternativlosigkeit verbirgt sich aber die seit 1997 ungestillte Sehnsucht nach einer radikalen Reformpolitik, die eben doch niemand anders als Labour liefern könnte. Die wenigsten in Großbritannien wollen, dass es einfach so weitergeht wie bisher. Nicht die Frau in Birmingham. Nicht das intellektuelle Sprachrohr der traditionellen Labour-Leute, der "Guardian", der vehement die Rückkehr zur einer erkennbar sozialdemokratischen Politik fordert.

Blair verspricht eine grundlegende Reform der öffentlichen Dienstleistungen. Aber das hat er schon vor vier Jahren getan. Wie sie bezahlt werden soll, wenn in drei Jahren die finanziellen Grenzen der jetzigen Ausgabensteigerungen erreicht sind, bleibt hinter den luftigen Vagheiten des Dritten Wegs verborgen. Auf die Kernfrage nach der Größe und Rolle des Staates in der modernen Sozialökonomie ist Labour die Antwort bislang schuldig geblieben. Die Briten werden sie frühestens nach der Wahl erhalten.

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