WAHLKAMPF 2013 : Der verprellte Herr Barolo

Wie die Grünen ihre Lifestyle-Wähler verschreckt haben.

Georg Löwisch

Franz Walter ist nicht nur der zentrale Politikwissenschaftler im Kosmos der Grünen, da er das Verhältnis der Partei zu Pädosexuellen in den 80er Jahren aufklärt. Die Analysen des Göttinger Forschers helfen auch dabei, die Lage der Partei in diesem Wahlkampf zu verstehen. Franz Walter also hat im Februar 2005 in einem kurzen „taz“-Interview zu den Wählern der Grünen Folgendes gesagt: „Überragende Ergebnisse bekommen sie in den großbürgerlichen Stadtvierteln, wo man morgens in Boutiquen einkauft und abends teuren italienischen Rotwein trinkt – aber trotzdem die Grünen wählt, damit man sich ohne große Anstrengung für einen Reformer halten kann.“

Er hat damit einen Erfolgsmechanismus der Grünen erklärt, der in diesem Wahlkampf kaputtgegangen ist. Die Grünen haben jahrelang einem bestimmten Wählertypus ein unwiderstehliches Angebot gemacht. Nennen wir ihn: Herrn Barolo. Er repräsentiert natürlich nur einen Teil der Wählerschaft dieser Partei, jedoch einen relevanten. Er möchte nicht den Castor blockieren, sondern nach einem guten Abendessen über Außenpolitik diskutieren. Er ist bereit und in der Lage, ein wenig mehr fürs Benzin zu bezahlen, aber alles hat seine Grenzen. Herr Barolo will auf der richtigen Seite stehen, er will ein ruhiges Gewissen. Er will nicht aus der Ruhe gebracht werden.

Die Grünen hatten das schon einmal verstanden. 1998 beschlossen sie die Forderung, dass der Benzinpreis auf fünf Mark pro Liter steigen soll. Die Umfragewerte stürzten ab. Danach bauten sie ein sehr sensibles Verhältnis zu Herrn Barolo auf. Aber es hat sich etwas geändert. Den Boden für diese Veränderung bereiteten die Rauchverbote. Keine andere Partei hat so geschlossen und so konsequent gegen den Tabak gekämpft. Wenn Herr Barolo raucht, ist er seither verunsichert. Selbst wenn er nicht raucht, hat er registriert, dass grüne Politik auf einmal in sein Leben hineinreicht.

In diesem Wahlkampf hat sich dieser Eindruck verfestigt, weil sich die Grünen nicht nur zu einer Umverteilung bekannten, sondern diese auch sehr konkret beziffert haben. Solche Ehrlichkeit imponiert, sie ist sogar sympathisch. Aber die Idee, zuerst groß über die Finanzierung zu reden und dann über die schönen Dinge, die man damit bezahlen will, hat nicht funktioniert. Sie passt nicht zur Sensibilität von Herrn Barolo.

Man stelle sich weiter vor, dass Herr Barolo im Restaurant sitzt und sich von einem Freund fragen lassen muss, wie er zur Pädokriminalität steht. Wo er doch die Grünen wählt. Das möchte Herr Barolo nicht. Er will eine Partei, die so makellos ist wie ein Wohnaccessoire von Manufactum. Makellos muss gar nicht bedeuten, frei von Fehlern und Verfehlungen zu sein, das ist niemand. Es heißt, dass man imstande ist, einen Makel wieder los zu werden.

Die Grünen beauftragten richtigerweise Franz Walter, ihre Geschichte auszuleuchten. Aber sie haben sich auf ihn verlassen, anstatt das Thema selber so stark zu bearbeiten, dass nicht der Eindruck entsteht, sie hätten es ausgelagert. So tröpfeln die Informationen und Bewertungen nach und nach – und kommen eben nicht von der Partei selbst.

Das V.i.S.d.P von Jürgen Trittin in einem Kommunalprogramm von 1981, in dem sich auch Pädosexuelle äußern, ist an sich kein Riesenskandal. Aber Wahlkampf bleibt Wahlkampf und Dobrindt bleibt Dobrindt. Und Herr Barolo bleibt Herr Barolo. Ihm haben die Grünen wenig zu bieten.

Dass sich Jürgen Trittin wie ein Staatsmann kleidet, ändert nichts daran, dass er die Grünen in diesem Wahlkampf als Konzeptpartei und nicht als bessere Regierungsalternative profiliert hat. Die Wahlkämpfer haben ihre Steuerpläne sogar kleinteiliger vorgerechnet als die SPD. So wurden sie angreifbar. Gleichzeitig trat die Energiewende in den Hintergrund.

Dabei ist der Bundesregierung das Management in diesem Feld misslungen. Die Grünen hätten sich als Regierungsprofis empfehlen können, die sich hier besser auskennen als jede andere Partei. So absurd es klingt: Der Ökopartei fehlt auf Bundesebene ein mächtiger Öko. In den nächsten Wochen werden sich die Grünen damit auseinandersetzen. Am Samstag nach der Wahl tagt der Länderrat, das oberste Gremium zwischen den Parteitagen. Da Jürgen Trittin sich zur dominierenden Figur des Wahlkampfes gemacht hat, würde ihm eine Niederlage angelastet. Es wird sein Ergebnis sein.

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