Wahlkampf : Die verwischten Spuren der FDP

Die Kandidaten auf ihren Wahlplakaten sind kaum wiederzuerkennen: Die FDP hat bei Rainer Brüderle und Guido Westerwelle die Spuren verwischt. Das soll wohl signalisieren: Wir tun nichts Böses, wir bringen Gutes. Aber es ist das Zeichen einer Partei, die sich ihrer Inhalte nicht mehr sicher ist.

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Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".Foto: Mike Wolff

Wenn ich morgens das Haus verlasse, sehe ich ein Gesicht, das mir irgendwie bekannt vorkommt. Ein älterer Herr, schütteres Haar, freundlich, Brille (Stahl?), blass. Es soll wohl Rainer Brüderle sein. Ein paar Ecken weiter: Der Mann, der mich hier von oben herab mustert, hat ein eckiges Gesicht, er sieht wächsern aus, trägt ebenfalls Brille (schwarz). Entfernt erinnert er an Guido Westerwelle. Hinter einer braunen Haarfrisur, roten Lippen und einer einheitlich beige getönten Gesichtsfläche verbirgt sich eine Person, die Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sein könnte. Könnte aber auch ihre Tochter sein.

Die FDP hat ihre Spitzenleute auf eine spitze Nase, eine Brille, einen Pagenkopf reduziert. Den Rest hat sie fototechnisch weggelöscht. Die Fotos zeigen keine Menschen, sie führen Typen vor. Seht her, wir tun nichts Böses, wir bringen Gutes, sollen die Gestalten vermitteln. In Wahrheit sagen sie: Wir wissen auch nicht mehr, wer wir sind.

Auch die Bilder Angela Merkels oder Peer Steinbrücks am Straßenrand sind wahrlich keine Leistungsschau der Werbewirtschaft. Doch sie lassen einen immerhin völlig kalt. Bei der FDP ist das anders. Ich mache mir Sorgen um Rainer Brüderle. Ich frage mich, ob Westerwelle wirklich nichts hat, worauf er stolz sein kann, so akribisch sind alle Spuren seiner Persönlichkeit verborgen. Ich grüble, ob der Justizministerin die politischen Schlachten ihres Lebens so peinlich sind, dass sie sie hat aus ihrem Gesicht radieren lassen.

Keine Narben, keine Falten, kein Lebenszeichen. In diesem Minimalismus drückt sich Bedenklicheres aus als eine missglückte Wahlwerbung. Er ist Zeichen einer Partei, die sich ihrer eigenen Inhalte nicht mehr sicher ist.

Am Ende wird es egal sein, ob man das Wahlergebnis bei der Bundestagswahl für ein erstes Votum über den neuen, mitfühlenden Liberalismus hält oder doch nur für eine Zweitstimmenkampagne. Der Markenkern der immer noch führenden liberalen Partei in Deutschland wird davon nicht mehr berührt. Denn er ist genau so verwaschen und leer wie die Mienen ihres Spitzenpersonals auf den Plakaten.

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