Meinung : Wahlkampf in Großbritannien: Der Euro, ein Traum

Matthias Thibaut

Es gibt wenig Griffiges, das die britischen Parteien unterscheidet. So muss Europa herhalten, um die Wähler aus der Apathie zu rütteln. Der Chef der konservativen Tories, William Hague, geht mit seinen apokalyptischen Warnungen vor dem Verlust der britischen Identität und Unabhängigkeit nicht zimperlich vor. Er weiß, dass nach der erwarteten Niederlage am 7. Juni bei den Tories die Diadochenkämpfe wieder losgehen werden. Die Proeuropäer werden aus ihrem freiwilligen Exil zurückkehren. Die radikalen Atlantiker, die sich am liebsten dem nordamerikanischen Handelsabkommen Nafta, wenn nicht gleich direkt den USA als 52. Bundesstaat anschließen würden, spähen lange schon über den rechten Rand der Tories hinaus. Für die Feinheiten der offiziellen Tory-Linie - "in Europa, aber nur mit dem Pfund" - ist da wenig Platz.

Umso leichter hat es Tony Blair, sich als guter Europäer zu geben. Er traue sich durchaus zu, ein Referendum über den Währungsbeitritt zu gewinnen, sagte er kürzlich und malte Europa in den schönsten Farben als Chance und nicht als Gefahr. Nur Konkretes zum Euro hörte man nicht. Es bleibt beim "bereit sein, dann entscheiden", wie Schatzkanzler Brown sagt. Oder "Verzögern und Verschleppen", wie die Zyniker im Regierungsapparat es nennen. Blair ist vorsichtig, ein Zauderer. Auch die pro-europäischen Wahlkampf-Äußerungen machen ihn nicht zum neuen Euro-Champion.

Blair liebt es, Euro-Gegner als unverbesserliche Europafeinde hinzustellen - das ist seine Methode, um sich vor präzisen Äußerungen zur Währungsdiskussion zu drücken. Politiker und Banker auf dem Kontinent, die das Hin und Her auf der Insel ungeduldig beobachten, sollten sich davon nicht beeindrucken lassen. Natürlich wäre Blair nichts lieber, als mit einem schmerzlosen Euro-Beitritt seine diplomatische Position in der EU dauerhaft zu stärken. Aber so wird es nicht gehen.

Denn Großbritanniens Weg in den Euro wird beschwerlich und politisch riskant. Die Briten sind skeptisch, und dass die britischen Wirtschaft derzeit floriert, der Euro schwächelt, die Erfolgsbilanz der EZB in Frankfurt fraglich ist, bestärkt sie in dieser Haltung. Diese Vorbehalte bleiben - auch wenn der, selbst zunehmend Euro-skeptische, Schatzkanzler Brown nach seinen berühmten "fünf Tests" grünes Licht geben sollte.

Kurzum: Blair müsste immens viel Energie in den Kampf um den Euro investieren. Es ist unwahrscheinlich, dass er dies jetzt tun wird, weil er gerade die überfällige Reform der britischen öffentlichen Dienste zur historischen Aufgabe seiner Regierung erklärt hat. Im Übrigen wird sich die Euro-Diskussion nicht nur mit ökonomischer Pragmatik führen lassen, wie es Blair will. Denn in Europa wird mit Blick auf 2004 die Debatte über die endgültige Form des europäischen Projekts anheben.

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