Wahlkampf in Polen : „Ihre Diplomaten sind inkompetent“

Kaczynskis Tiraden gegen Deutschland sind nicht im polnischen Interesse. Genau das verschafft im derzeitigen Wahlkampf dem Oppositionsführer Donald Tusk einen Vorsprung.

Knut Krohn

Der Satz, daß deutsche Diplomaten inkompetent seien, verfehlte seine Wirkung nicht: Polens Premier Kaczynski tappte in die Falle. Beim TV-Duell, dem großen Wahlkampffinale am Freitag in Warschau, sah sich ausgerechnet der nationalkonservative Kaczynski genötigt, das Verhältnis zu Deutschland „insgesamt gut“ zu nennen. Donald Tusk, der Hoffnungsträger der Opposition, hatte auf diesen Fehler nur gewartet. Jedem Polen klingen Kaczynskis Tiraden über deutsche Großmannssucht in den Ohren.

Als dann Kaczynski versuchte, mit der deutschen Keule zu punkten, war die Sache erledigt. Tusk habe die in Polen verhasste Erika Steinbach zu sich eingeladen, warf er dem Oppositionsführer vor. Der aber parierte die Attacke. „Ich muss hier etwas geraderücken: Ich habe sie nicht eingeladen.“ Die regierungstreue Zeitung „Rzeczpospolita“ habe die Präsidentin des Bundes für Vertriebene eingeflogen, präzisierte Tusk und präsentierte sich als überlegener Gesprächspartner. Er habe mit ihr auf dem Podium gesessen und ihr dort gründlich den Kopf gewaschen.

Zwei zu null für den Herausforderer. Konnte er doch vor laufenden Kameras beweisen, dass er die Interessen Polens vertritt – und gleichzeitig aufdecken, wie Kaczynski versucht, seine Gegner zu diskreditieren: mit Andeutungen und Halbwahrheiten. Spätestens in dieser Sekunde musste der Premier erkennen, dass die alten Waffen stumpf geworden sind. Bei der Präsidentenwahl vor zwei Jahren war es den Kaczynski-Zwillingen gelungen, Tusk als unpatriotischen Gesellen zu diffamieren. Es reichte die Andeutung, dass dessen Vater am Ende des Krieges für einige Wochen in der Wehrmacht dienen musste. Damals verlor Tusk gegen Lech Kaczynski.

Tusk hat aus den Fehlern gelernt. Im TV-Duell eine Woche vor den vorgezogenen Wahlen zeigte der 50-Jährige Qualitäten, die ihm bisher von Freund und Feind abgesprochen wurden: Er war offensiv, willensstark, präsentierte sich kompetent und gelegentlich witzig. Eine Umfrage bestätigt nun den Eindruck. Die liberale Bürgerplattform Tusks würde auf 39 Prozent der Stimmen kommen. Die Kaczynski-Partei PiS wird nur noch mit 29 Prozent gehandelt. Das liberale Lager hofft, dieses unerwartete Hoch bis zu den Wahlen am Sonntag zu konservieren. Tusks Weg zum Sieg scheint klar: er muss die Leistung der Regierung lediglich an den Wahlversprechen von vor zwei Jahren messen. Denn deren Bilanz ist eine Katastrophe. Knut Krohn

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