Wahlkampf : Schleichendes Gift

In Deutschland tritt jetzt ein Phänomen zutage, das es in Amerika schon länger gibt. Es läuft unter dem Begriff "character attack", Angriff auf den Charakter des jeweiligen Kandidaten bei Wahlen. Die – bittere – Lehre aus den USA lautet, dass solche Angriffe funktionieren können.

Stephan-Andreas Casdorff

Das erste Beispiel bietet George Bush der Ältere. Bush griff mithilfe des nach außen so distinguierten James Baker als Wahlkampfchef 1988 den in Umfragen weit vor ihm liegenden Demokraten Michael Dukakis an. Die Art ihres Angriffs zerrüttete dessen Popularität. Dukakis sollte am Fall eines rückfällig gewordenen Straftäters als wenig urteilsfähig und unfähig zur Exekution harter Maßnahmen dargestellt werden. Das gelang.

Zwei weitere Beispiele liefert George Bush der Jüngere. Innerparteilich gewann Bush nach einer Kampagne gegen den angesehenen John McCain, dem ein uneheliches Kind angedichtet worden war. Ihm sollte damit offenkundig das Etikett der Unglaubwürdigkeit angeheftet werden. Im Wettbewerb mit den Demokraten um die Präsidentschaft dann wurde wieder und wieder das Vietnam-Kriegsheldentum von Kandidat John F. Kerry infrage gestellt. Auch er sollte, wie Dukakis, als zu weich fürs harte Amt gebrandmarkt werden.

Hierzulande ist es noch nicht ganz so weit, dass mit Schmutz geworfen oder der Versuch unternommen wird, Schmutz unterm Teppich zu finden. Noch ist das Private nicht direkt politisch. Was auch an der gebotenen Zurückhaltung, der überwiegend verantwortlichen Haltung der Medien liegt. Aber die Frage nach dem „Charakter“, besser: nach der inneren Substanz der Kandidaten, wird jetzt doch vermehrt gestellt. Vor allem nach der von Angela Merkel.

Spitzensozialdemokraten fühlen sich aufgefordert, wenn nicht gar provoziert von Merkels Amtsführung im Kabinett, und regierenden Christdemokraten scheint es wegen ihrer Amtsführung in der CDU ähnlich zu gehen. Wobei zweiteres auf die Dauer zerstörerischer wirkt. Schleichendes Gift, so könnte man die Berichte nennen, die immerfort auf Merkels Art zielen, nicht demonstrativ Führung zu übernehmen, sondern abzuwarten, bis der aus ihrer Sicht günstigste Zeitpunkt zur Durchsetzung eigener Interessen gekommen ist.

Ob Granden auf Seiten der SPD oder CDU, schmeichelhaft fällt gegenwärtig kaum ein Kommentar über Merkel aus. Ihre Art konsequenter Vagheit dringt nicht durch, im Gegenteil, sie ruft allmählich in immer kürzeren Abständen Zornesreaktionen hervor, die jetzt nur öffentlich werden. Merkel wird nicht nur vorgehalten, keine Position zu beziehen (außer der, dass keinem zu trauen und allen anderen alles zuzutrauen ist), sondern dass Misstrauen ihre einzige Methode sei. Das wird gefährlich fürs öffentliche Bild. Zumal Merkel die dann doch überraschend unpolitische Meinung vertritt, dass sich ihr Handeln in wichtigen Fragen bei einigem Nachdenken von selbst erschließe und nicht weiter erklärbedürftig sei.

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