Wahlkampf : Stinos ohne Heimat

Das "bürgerliche Lager" gibt es nicht, selbst bürgerliche Politiker sind selten geworden. Die CDU und die Linkspartei kommen dem stinknormalen Ideal noch am nächsten.

Malte Lehming

Yvan Francis LeLouarn, alias Chaval, war einer der ganz großen Karikaturisten. Humor, sagte er, sei die Höflichkeit der Verzweiflung. Der Witz vieler Bilder entstand jedoch nicht durch diese selbst, sondern durch die Unterzeile. Etwa: Ein Polizeibeamter sitzt vor einem korrekt aufgeräumten Schreibtisch, hat einen Stift in der Hand und guckt sinnierend in die Luft, darunter steht: „Gendarm beim Abfassen eines Liebesbriefes“. Durch die Brille solcher Chaval-Momente lässt sich auch der Wahlkampf betrachten.

Etwa: Frank-Walter Steinmeier stellt sein Schattenkabinett vor, es besteht aus zehn Frauen und acht Männern. Als eines seiner drei Hauptthemen nennt der SPD-Kanzlerkandidat die Familienpolitik. Nun die Unterzeile: Drei der zehn Frauen sind verheiratet und haben Kinder, fünf sind ledig und kinderlos, eine ist geschieden und kinderlos, eine lebt seit 30 Jahren mit ihrem Mann und ist kinderlos. Sieben der zehn Frauen sind also persönlich mit Familienpolitik (noch) nicht in Berührung gekommen. Der Zuruf „Vormachen!“ könnte sie in Verlegenheit bringen.

Na klar, wir leben im 21. Jahrhundert, die Lebensstile sind bunt geworden, Patchwork wird akzeptiert, jeder soll nach seiner Façon selig werden – und außerdem geht niemanden das Private unserer Politiker etwas an. Das stimmt zwar, aber es stimmt auch: Fast jeder deutsche Kanzler und Präsident preist die Familie als „Keimzelle der Gesellschaft", das Ideal wird in Ehren gehalten, ein beträchtlicher Teil der Deutschen tut es ebenso. Doch der bekennende Spießer fühlt sich von der politischen Klasse nicht mehr repräsentiert. Er und sie führen andere Leben, er und sie teilen andere Erfahrungen.

Dabei ist der „Stino“ (Jargon für „stinknormal“) immer noch eine starke statistische Größe. Verheiratet, Kinder, Beruf, Auto, geregelter Tagesablauf, selten nach 23 Uhr im Bett, man bemüht sich, treu zu sein: Zumindest außerhalb von Berlin ist das die Regel, nicht die Ausnahme. Die Lebensentwürfe unserer Politiker dagegen? FDP und Grüne erledigen sich von selbst, die CSU unter Horst Seehofer auch. Einige SPD-Frauen wurden genannt, bei den Männern komplettieren Olaf Scholz, Sigmar Gabriel und Hubertus Heil das Bild. Und die CDU? Die kommt, abgesehen von Angela Merkel und Annette Schavan, den Stinos noch am nächsten. Auch die Linkspartei ist erstaunlich kulturkonservativ.

Dass sich ausgerechnet die FDP dem „bürgerlichen Lager“ zurechnet, ist daher irreführend. Denn bei den Liberalen finden bürgerliche Familien-Stinos gewiss keine Heimat. FDP und Grüne wiederum sind sich, gemessen an der Pluralität der Lebensstile ihrer Funktionäre, viel ähnlicher, als ihre angebliche Erzfeindschaft suggeriert.

Nun ist Lebenserfahrung keine notwendige Voraussetzung für Fachkompetenz. Ein ehemaliger Zivildienstleistender kann durchaus ein guter Verteidigungsminister werden. Ein gescheiterter Unternehmer kann später erfolgreich ein Wirtschaftsministerium führen. Insofern können auch ledige Kinderlose gute Familienpolitik machen. Wer weiß? Vielleicht schreibt der Gendarm bei Chaval ja einen sehr romantischen Liebesbrief.

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