Wahlkampf : TV-Duell: Jetzt muss Steinbrück punkten

Die Lage für die SPD: Deutschland geht es gut – aber diese Regierung ist Mist. Das muss Peer Steinbrück im TV-Duell erklären. Einfach wird das nicht werden.

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Peer Steinbrück muss seine Sympathisanten glauben lassen, dass noch nicht alles gegen Angela Merkel verloren ist. Foto: dpa
Peer Steinbrück muss seine Sympathisanten glauben lassen, dass noch nicht alles gegen Angela Merkel verloren ist.Foto: dpa

Es ist nicht so, als habe Peer Steinbrück schon alle Hoffnung fahren lassen. Sonst könnte er nicht so reden, wie er redet. Autosuggestion ist, gerade für Wahlkämpfer, auch eine Tugend.

Unvergessen, wie Helmut Kohl 1998 durch Deutschland tourte und dachte, weil so viele Menschen ihn sehen wollten, würden sie ihn auch wählen. Das war dann ja nicht der Fall. Umgekehrt ist es bei Steinbrück: Weil so viele Menschen noch nicht wissen, ob sie wählen gehen sollen, sagt der SPD- Kanzlerkandidat sich und anderen, dass nichts entschieden sei.

Und das ist richtig, sowohl als auch: Sowohl wegen der Zahl der Unentschlossenen, mehr als 50 Prozent!, als auch, weil sich der Wind noch drehen kann. Käme jetzt das eine Thema, mit dem die SPD die Bundeskanzlerin stellen und die Union treiben könnte, also beide in einen Zwiespalt, dann … Wahlkampf ist darum bis zur letzten Minute.

Aber es ist schwierig. Einmal, weil die SPD weniger zur Autosuggestion als zur Autoaggression neigt. Sie zeigt mehrheitlich nicht einmal den Mut der Gereizten: Wir haben keine Chance, sagen die anderen, also nutzen wir sie. Das wäre das Modell Schröder. Was aber sowieso nicht geht; sie hat nicht die Person, und die SPD hat sich längst von seiner Agenda abgesetzt. Das macht eine Identifikation schwierig. Wie gerade auch Peer Steinbrück immer wieder erlebt. Er kann ja nicht sagen: Seht her, Leute, ich kann’s besser, wie man an den Reformen sehen kann, die ich seinerzeit führend mit ins Werk gesetzt habe.

Und so kommt es (auch), dass heute die guten Zahlen wem angerechnet werden? Der Kanzlerin und ihrer Koalition. Arbeitslosigkeit auf historischem Tiefstand, Erwerbsquote auf der Höhe, Inflationsrate niedrig, Wirtschaft im europäischen Maßstab spitze, Deutschland vorn, Bewunderung in aller Welt. Da soll der gemeine Deutsche sagen: Alles Mist, ich wähle eine andere Regierung?

Zumal es ja immer so ist, dass Regierungen auf dem aufbauen und das ernten, was ihre Vorgänger gemacht haben. Hinzu kommt, dass auch diese Koalition in der Wirtschafts– und Finanzpolitik nicht alles falsch gemacht hat. Ob sie alles richtig gemacht hat, ist eine andere Frage. Die SPD – wenn sie daraus Kapital schlagen wollte – müsste darlegen, dass nicht alles von allein so gut weitergeht. Dass nicht Angela Merkels Wohlfühlkurs, sondern ein Reformkurs mit neuer Agenda nötig wäre: zur Energiewende, der Bildung, dem Euro. Nach dem Motto „Es muss sich vieles ändern, damit alles bleibt, wie es ist“. Im 100-Tage-Programm spricht Steinbrück das an, was im Grundsatz: „Gestalten statt Aussitzen. Ende des Stillstands. Schluss mit dem Ungefähren.“ Aber ob das eine Mehrheit überzeugt? Ob sie es überhaupt hören will?

Jedenfalls setzt es den Ton fürs TV-Duell. Merkel kann gelassen hineingehen: Ihre Zahlen sind gut, alle, die SPD braucht bessere. Und Steinbrück? Er muss es schaffen, zumindest die Mehrheit der SPD-Sympathisanten bis zur letzten Minute daran glauben zu lassen, dass alles noch möglich ist.

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