Wahlkampfpolitik : Demokratische Yogalehrer

Die Wahlkampfpolitik deutscher Parteien ist längst überholt. Barack Obama ist im US-Wahlkampf einen Schritt weiter und setzt auf neue Wählermilieus: Ausgerechnet die CSU scheint daraus nun zu lernen.

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Nicht nur Tiere mögen Ilse Aigner: Sie soll für die CSU die Sympathien der weiblichen Wähler zurück gewinnen.
Nicht nur Tiere mögen Ilse Aigner: Sie soll für die CSU die Sympathien der weiblichen Wähler zurück gewinnen.Foto: dapd

Die Bedeutung der Yogalehrer für den Ausgang der US-Wahlen wird hierzulande unterschätzt. Folgt man der Aufstellung der Einzelspender der beiden Präsidentschaftskandidaten, gehören Yogalehrer zu jenen Berufsgruppen, deren Herz am eindeutigsten an einem der beiden Kandidaten hängt. Während Obama von 473 Yogalehrern Spenden erhielt, stifteten gerade einmal vier an Romney. Amerikas Yogalehrer sind sich einig: Barack Obama soll Präsident werden. Daraus scheint nun die CSU ihre Schlüsse zu ziehen.

2008 hat Obama Maßstäbe gesetzt für einen modernen Wahlkampf, vor allem was die Nutzung der neuen Medien anging. Und auch diesen Wahlkampf dürften die Strategen der deutschen Parteien aufmerksam beobachten. Denn anders als hierzulande verstehen es Obamas Spin-Doktoren, neue Wählermilieus zu identifizieren und anzusprechen.

In Deutschland schauen gerade die beiden großen Parteien noch immer auf die Milieus und Interessengruppen, die das politische Spektrum bis in die frühen achtziger Jahre strukturierten. Man machte Politik für „den“ Mittelstand, „die“ Rentner oder „die“ Arbeitslosen und zählte aus, wie groß die Anteile einer bestimmten Einkommensgruppe oder einer Generation in der eigenen Stammwählerschaft vertreten waren. Inzwischen entscheiden sich Wähler immer kurzfristiger, traditionelle Milieus lösen sich auf. Und die Parteien verlieren den Kompass.

Mit Staunen schaute die Republik zuletzt auf den Erfolg der Piraten. Alles Protestwähler? Mitnichten. Erste Studien scheinen zu zeigen, dass die Piraten vielmehr von einem neuen Milieu profitierten. Was Piratenwähler verbindet, ist ihr hohes Bildungsniveau, prekäre Anstellungsverhältnisse und ihre Affinität zur digitalen Kultur. Eine Gruppe, die wächst, gerade in den urbanen Zentren, und die noch keine politische Heimat hat.

Ein anderes gutes Beispiel für ein Querschnittsmilieu sind die Frauen. In den USA, sagen Meinungsforscher, werden sie eine Schlüsselrolle spielen – und zwar pro Obama, nachdem sich einige Republikaner unter anderem mit kruden Aussagen zur Vergewaltigung disqualifiziert haben. Auch in Deutschland schwankt ihr Anteil unter den Wählern der Parteien deutlich. Während rund zwei Drittel der Grünen-Wähler weiblich sind, sind Frauen unter den Wählern der CDU deutlich unterdurchschnittlich vertreten.

Ausgerechnet die CSU hat nun erkannt, dass die Konservativen ein Imageproblem in dieser Wählergruppe haben und macht Ilse Aigner zum Gesicht der Partei. Das könnte Schule machen. Vielleicht jagt die FDP ja den Grünen die neuen Bürgerlichen ab, die ökologisch bewusst sind aber auch leistungsorientiert? Oder die SPD entdeckt die Zufriedenen, die vor allem den Erhalt des Status quo wollen? Bisher aber zeichnet sich die Rente als Wahlkampfthema ab, obwohl man fragen könnte, ob es „die“ Rentner überhaupt noch gibt. Ein bisschen mehr Kreativität dürfte schon sein. Dann klappt es vielleicht sogar mit dem Yogalehrer.

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