Wahlpanne in Lichtenberg : Was wirklich zählt

20.09.2011 18:12 UhrVon Lorenz Maroldt

Die SPD verliert in Berlin ein Direktmandat – und nicht nur das. Der Vorfall zeigt, ausgerechnet einen Tag vor Beginn der Sondierungsgespräche zwischen SPD und Grünen, wie wackelig die Brücke ist, über die beide aufeinander zugehen wollen.

Ein kleiner grüner Punkt in Lichtenberg, der da gar nicht hingehört, hat Folgen für das neue Abgeordnetenhaus. Dieser Fleck, gerade noch zu sehen auf den Karten des Landeswahlleiters vom Wahlkreis Lichtenberg 1, ragt bemerkenswert heraus aus einem weitgehend rot-roten Flickenteppich. Hier, und nur hier, im Stimmbezirk 107, einer von insgesamt zwanzig im Wahlkreis Lichtenberg 1, sollte sich Sensationelles abgespielt haben: Sieg für Bartosz Lotarewicz, den Direktkandidaten der Grünen, mit satten 36,7 Prozent. Vernichtend geschlagen dagegen ein Star der Linken, Evrim Baba-Sommer, die den Angaben zufolge auf gerade mal 5,4 Prozent der Erststimmen kommt.

Kaum zu glauben. Und auch nicht wahr. Die Zahlen für die Kandidaten von Grünen und Linken sind verwechselt worden; es ist genau anders herum, so, wie es auch in etwa den Zweitstimmen in diesem Wahlbezirk entspricht.

Wenn es das schon gewesen wäre, hätte das nur eine nette Anekdote hergegeben. Aber das ist es nicht. Bis Dienstagmittag galt hier, in Lichtenberg 1, die SPD-Direktkandidatin Karin Seidel-Kalmutzki als Wahlsiegerin, wenn auch nur knapp, mit 51 Stimmen Vorsprung vor Evrim Baba-Sommer. Doch dieses Mandat ist die frühere Präsidentin des BFC Dynamo wieder los geworden: Mit den tatsächlich für die Kandidatin der Linken abgegebenen Stimmen zieht diese auch an ihrer Konkurrentin von der SPD vorbei, wenn auch nur knapp, mit 179 Stimmen.

Der ohnehin knappe Vorsprung für einen möglichen rot-grünen Senat schrumpft dennoch nicht weiter; Karin Seidel-Kalmutzki hatte ein Überhangmandat erzielt, für das Linke und Grüne Ausgleichsmandate bekamen. Es bleibt einstweilen dabei: Rot-Grün würde auch in einem kleineren Abgeordnetenhaus über eine Stimme mehr als die absolute Mehrheit verfügen.

Doch der Vorfall zeigt, ausgerechnet einen Tag vor Beginn der Sondierungsgespräche zwischen SPD und Grünen, wie wackelig die Brücke ist, über die beide aufeinander zugehen wollen. Zwei unzufriedene Hinterbänkler, und die erste Abstimmung im Parlament, nämlich die über den Regierenden Bürgermeister, könnte die letzte sein. Wäre nach der Neuberechnung wegen der Zählpanne nur noch eine Stimme Vorsprung übrig geblieben, wäre es das wohl schon gewesen mit Rot-Grün in Berlin. Dass ein Abgeordneter seine Fraktion verlässt, kommt ja auch immer wieder mal vor. Ein Spieler mag Klaus Wowereit zuweilen sein, ein Hasardeur ist er nicht.

Für die SPD ist der Verlust des Direktmandats aber auch noch aus einem anderen Grund mehr als ein Schönheitsfehler. Karin Seidel-Kalmutzki sollte als Nachfolgerin von Walter Momper neue Präsidentin des Parlaments werden. Jetzt hat sie dort nicht einmal einen Sitz. Allerdings befindet sie sich in prominenter außerparlamentarischer Gesellschaft: Auch Wowereit verpasste den Sprung ins Abgeordnetenhaus; und ebenso der bisherige parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Christian Gaebler; und auch die frühere SPD-Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing...

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