Meinung : Wahre Schwarz-Grüne

Stephan-Andreas Casdorff

Ungeküsst sollst du nicht gehen - die Bischöfe werden von ihrem Treffen mit den Grünen nachhaltig beeindruckt sein. Ein liebevoll gedeckter Tisch, Kerzen, überströmende, sie einhüllende Freundlichkeit, wann erleben Kirchenvertreter so etwas schon noch. Bei der Christenunion jedenfalls nicht. Das C in ihrem Namen ist eine Chiffre geworden, das Verhältnis zum Inhalt und zu den Vertretern dieser Inhalte kühler, fast geschäftsmäßig.

Da wurde die katholische Kirche von der Unionsfraktion im Bundestag missachtet, als es um Diskussionen über das richtige Einwanderungskonzept ging. Und der Vorstand der CSU wollte in klösterlicher Abgeschiedenheit ein Bioethik-Papier verabschieden, das Gerhard Schröder wie ein Geschenk hätte vorkommen müssen, so wirtschaftsbezogen klang es. Die aus einem Milieu stammen - verlieren sie sich?

Religion habe nichts mit der Politik zu tun, dieses Schlagwort war immer schon falsch. Denn es gibt eine Politik, die in Kirchen eindringt und Altäre umstürzt; so wie die Kirche Politik helfen kann, Systeme zu verändern. Die Ostpolitik ist ein Beispiel. Und es gibt die Sehnsucht, die Menschen in die Kirche zurückbringt - wenn die öffentlich ihren Auftrag wahrnimmt: als "unbestechliches Gewissen des Staates und der Wirtschaft". So sagte es der Minister Adolf Grimme zur Einführung des Landesbischofs Hanns Lilje vor fast einem halben Jahrhundert.

Religion und die in ihr enthaltene Sozialidee als verbindliches Fundament der Ordnung unseres Zusammenlebens - das gewinnt gerade nach dem 11. September tiefe Bedeutung. Oder sagen wir Konjunktur? Nach der Zeitenwende ist die Werteverunsicherung noch einmal gewachsen: Sagt uns, was uns verbindet. Zeigt uns den Faden, der uns durch Tausende von Jahren führt. Zugleich gibt es neue Bindung durch Emotion und die Suche nach Gemeinschaft aus intellektueller Einsicht - wieder, aufs Neue.

Moderne Gesellschaften sind an Bindekräften nicht so reich, dass sie das Angebot der Religion einfach ausschlagen könnten. Wenn das Angebot nicht bloß verbal bleibt. Wenn es nicht um klerikales Politisieren, sondern um aktiven Realismus geht. Das ist eine neue Gelegenheit für die Kirchen. Und für die Parteien. Wenn sie von allen Seiten als Chance verstanden wird. Die Grünen haben sie immerhin schon einmal genutzt. Die Bischöfe könnten eine schöne Geschichte darüber erzählen.

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